Medizin ist nie absolut!

Generell ist das Leben oft nicht absolut – höchstens die Tatsache, dass wir geboren werden und irgendwann wieder sterben.

Auf der Suche nach Erlösung von Leid und Schmerz können wir als Betroffene allerdings blind werden, denn die Antworten, die wir suchen, sind meist nicht schwarz-weiß, sondern wir finden sie in Millionen Schattierungen von grau vor.

Das klingt jetzt so philosophisch. Münzen wir es doch mal um auf das Volksleiden Nr. 1: Rückenschmerzen.

Du wachst morgens auf und spürst bereits, dass irgendwas in deinem Rücken nicht so will wie du. Aus dieser leisen Ahnung wird nach dem Aufstehen die Erkenntnis: „Mist, mein Rücken tut wirklich tierisch weh!“. Der Schmerz ist stark und wird durchdrungen von einer subtilen Angst, weil du nicht genau weißt, was mit deinem Rücken los ist.

Ab dem Moment, wo Schmerz und Angst größer werden als der sachliche Denker in dir, der sagt: „das wird schon wieder, ich warte einfach ab…“, fängst du an zu suchen. Vermutlich googlest du deine Symptome (hier lohnt es sich definitiv einen extra Blogpost zu diesem Thema zu schreiben) und vielleicht stößt du auf ganz unterschiedliche Erklärungen. Einige klingen harmlos, andere wie ein Horrorszenario.

Jetzt überlegst du dir, ob du nicht doch lieber zum Arzt gehen solltest. und das tust du dann auch.

Wir gehen vom Idealfall aus, d.h. der Arzt unterzieht dich einer ausführlichen Anamnese und körperlichen Untersuchung und stellt keine ernsthaften Probleme fest (wenn es in der Anamnese keine Auffälligkeiten gibt, besteht nach offiziellen Leitlinien ausdrücklich kein Grund für eine Bildgebung!). Er schickt dich wieder nach Hause und rät dir, dass du in Bewegung bleiben, aber diese in Abhängigkeit von deinem Schmerz gut dosieren sollst (auch das ist die offizielle Empfehlung bei unspezifischen Rückenschmerzen). So weit so gut. Bis hierhin ist eigentlich alles leitliniengerecht abgelaufen.

Der Schmerz oder die Angst hören aber irgendwie nicht auf. Oder es verändert sich nicht so wie du es eigentlich gerne möchtest. Vielleicht gibt es sogar Episoden, in denen es schlechter wird.

Ab hier wird es brenzlig, denn du bist gerade sehr offen und empfänglich für Fehlinformationen und Misinterpretationen. Dinge, die dir jetzt gesagt werden oder die du dir selbst zurechtlegst und erklärst, dringen tief durch und verankern sich fest in deinem inneren Glaubenssystem – und das spielt eine tragende Rolle für den weiteren Heilungsweg.

Weil es sich nicht so verändert wie erhofft, fängst du verzweifelt an nach Informationen und Erklärungen zu suchen. Du unterhältst dich mit Freunden, Kollegen, Familie, schaust dir Videos auf Youtube an (einige Kanäle haben sehr gutes Marketing, was nicht bedeuten muss, dass auch die Inhalte wirklich gut sind!) oder liest Beiträge in Foren – alles mit dem Wunsch, dass dir irgendjemand erklären kann, was genau du eigentlich hast, was man dagegen tun oder wie man es schnell wieder loswerden kann. Oder du gehst von Arzt zu Arzt, von Therapeut zu Therapeut und irgendwie sagt am Ende jeder etwas anderes… (zu viele Köche verderben immer noch den Brei).

Hier passieren bereits einige ungünstige Dinge, die die Chronifizierung begünstigen können:

  1. Dein Gewebe unterliegt einem genetisch einprogrammierten Heilungsplan – immer! Jede Verletzung, die wir erleiden, wird vom Körper unmittelbar danach emsig repariert (natürlich im Rahmen der Möglichkeiten). Einige Gewebearten brauchen länger (z.B. Sehnen oder Bänder, diese sind nicht durchblutet, was übrigens so gewollt ist), andere wiederum heilen schneller (z.B. Gefäße, deswegen hört es nach einiger Zeit auf zu bluten, wenn wir uns verletzen). Du hast mit deinem Willen nur begrenzt Einfluss auf diesen Heilungsprozess! Der (erste) Arzt (der ja bereits optimal gearbeitet hat) hat ausgeschlossen, dass es sich um eine ernsthafte Pathologie handelt, d.h. du könntest darauf vertrauen, dass der Schmerz nach einer Weile wieder nachlässt und in Bewegung bleiben, wie er es dir empfohlen hat. Und du könntest (und das finde ich besonders wichtig) deine Angst und Verunsicherung in dieser Phase annehmen. Und wenn du merkst, es funktioniert trotzdem nicht, könntest du dir Rat bei einem Physiotherapeuten suchen, der dir dabei hilft wie du gut in Bewegung bleiben und was du dir ohne Bedenken zutrauen kannst. Er wird dir dann hoffentlich erklären, dass dein Rücken zu den belastbarsten Strukturen gehört und dass du, wenn du gut auf die Signale acht gibst (und damit meine ich nicht, Schmerzen zu vermeiden, sondern gut mit ihnen umzugehen), nicht wirklich etwas falsch machen kannst und dass die meisten Rückenschmerzen, sofern ernste Pathologien ausgeschlossen wurden, statistisch gesehen von alleine sehr gut wieder verheilen. Klingt doch gut, oder?
  2. Du beziehst Informationen aus Quellen, die aufgrund subjektiver Verzerrung nicht aussagekräftig sind. Nur weil Person X eine Erfahrung gemacht hat, muss das nicht bedeuten, dass dies auch auf dich zutrifft. Nur weil ein Arzt oder Therapeut eine Behauptung in den Raum wirft, ist diese Aussage nicht unanfechtbar (der Beruf legitimiert nicht den Wahrheitsgehalt der Aussage). Wenn es um „Gesundheit“ geht, kennt verrückterweise jeder irgendwelche Schreckgeschichten, wo alles schief gelaufen ist, was schief laufen kann (solche Geschichten kommen auch bestimmt hin und wieder vor, aber wenn man sich die Zahl derjenigen ansieht, die mit richtigen Diagnosen und einer guten med. Betreuung versorgt wurden, stellt man fest, dass das Verhältnis zwischen komplikationslosem und kompliziertem Verlauf nicht 1:1 entspricht).
  3. Rückenschmerzen sind multifaktoriell, es spielen also sehr viele Dinge mit hinein und es erfordert Zeit, diese kennenzulernen. Und mal ganz ehrlich: wie oft im Leben kommt es vor, dass einer anderen Person exakt(!) das gleiche widerfährt wie dir. Verstehe mich nicht falsch, es ist gut, dass du darüber redest und es ist auch wichtig, dass andere Menschen ihre Erfahrungswerte mit dir teilen, weil es dich für Alternativen oder Komplikationsmöglichkeiten sensibilisiert und weil wir soziale Wesen sind und es gut tut, Gleichgesinnte zu treffen. Aber es ist wichtig, die Inhalte zu filtern! Und das ist es, was oft untergeht. Oder wie siehst du das?
  4. Du suchst mehr nach Gründen, die dir bestätigen, dass doch etwas schlimmeres sein muss, statt nach Gründen, dass alles gut verlaufen könnte. Das liegt ein bisschen an unserer Gehirnstruktur, denn das Gehirn konzentriert sich eher auf negative und unkontrollierbare Dinge, um diese möglichst auszuschalten und so für Sicherheit zu sorgen. D.h. Informationen, die die Unsicherheit deines Gehirns ansprechen, kommen leichter und intensiver durch als diejenigen, die der Wahrheit entsprechen, weil bei ersterem eine größere emotionale Schubkraft dahintersteckt. Ein kleiner Funfact: Dir die Angst oder den Schmerz abzusprechen oder wegzudenken, wird nicht funktionieren. Dein Gehirn lässt sich nicht veräppeln. Der Schmerz ist ja auch real, nur die Erklärung dafür stimmt oft nicht. Auf deutsch: du klammerst dich aus einem vermeintlichen Sicherheitsgefühl an eine Antwort, die vielleicht gar nicht stimmt – und das ist eine große Sackgasse!
  5. Auf der Suche nach absoluten Antworten, die dich endlich erlösen und befriedigen, hast du völlig übersehen, dass sehr viel Zeit vergangen ist, in der sich an deinem Problem nicht so wirklich etwas geändert hat. Und wenn ich eine Sache gelernt habe, dann dass sich Dinge verändern, wenn wir die Arbeit an der richtigen Stelle machen! Deine Aufmerksamkeit war vielleicht so sehr an einen Ort gebunden, der dich nicht voranbringt, dass gar keine Ressourcen mehr verfügbar waren für den Ort, an den du eigentlich hättest gehen sollen?!
  6. Schau mal, was passiert ist. Du fühlst dich angesprochen, weil du bis hierhin gelesen hast und dabei habe ich dir keine einzige spezifische Antwort für dein Rückenproblem gegeben – schlimmer, ich habe alles, was die meisten von uns machen als nicht wirklich sinnvoll ausgeschlossen!

„Toll“, wirst du denken, „und was mache ich jetzt damit?“.

Gib die Hoffnung nicht auf, denn sie ist dein Antrieb (und wichtig!), aber klammere dich auch nicht daran, dass es schnell und einfach gehen muss. Es gibt keinen ultimativen Weg (das ist übrigens auch das Ergebnis aus jahrelanger wirklich guter Forschung zum Thema Rückenschmerzen). Und meine Frage an dich: gibt es überhaupt für irgendetwas im Leben einen ultimativen Weg? Es ist wichtig, dass du deinen eigenen Weg in dieser Situation findest und es kann wichtig sein, dass wenn es sich wirklich nicht verändert oder du dich überfordert fühlst, du dir kompetente Begleitung suchst, die auf fundiertem Wissen und nicht nur(!) auf Erfahrungswerten beruht (wie das geht, habe ich in diesem Beitrag beschrieben). Denn mit subjektiven Erfahrungen kann man keine gute med. Versorgung gewährleisten.

Aber das wichtigste ist: konzentriere dich auf die positiven Dinge, auf die kleinen Schritte in die richtige Richtung. Ich meine damit nicht, dass du alles schönreden musst oder keine unangenehmen Gefühle haben darfst (so wird ja positives Denken fälschlich oft missbraucht), sondern dass du das beste aus dem machst, was gerade ist.

Wenn du Informationen beziehst, versuche sie aus offiziellen Quellen wie z.B. der AWMF oder wissenschaftlich Arbeitenden Magazinen zu beziehen und nicht bei www.rueckenschmerzen123weg.de. 🙂

Fazit: Es gibt keine absolute Antwort für deinen Rückenschmerz, sondern es gilt die Grautöne kennenzulernen, herauszufinden, wo du stecken geblieben bist und dort dann die Arbeit zu machen (und genau dabei kann die evidenzbasierte Physiotherapie sehr gut unterstützen). Es gilt in Bewegung zu bleiben oder wieder in deine Bewegungsfreude zurückzufinden. Aber es ist und bleibt ein Weg. Auch wenn Schmerz kein schönes Gefühl ist, kann er doch zu einem sehr starken Motor für Veränderung werden.

Das war jetzt ein fiktives Beispiel anhand von Rückenschmerzen, lässt sich aber auch auf andere gesundheitliche Probleme ummünzen.

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Disclaimer: hierbei handelt es sich um meine Erfahrungen in der Behandlung von Menschen mit chronifizierten Schmerzen und Wissen aus der Schmerzforschung. Dieser Beitrag ersetzt keine kompetente Behandlung. Bitte zögere nicht, dir bei anhaltenden Beschwerden Hilfe zu suchen.


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