Vielleicht hast du bereits gemerkt, dass ich im therapeutischen Prozess kein Fan von rein subjektiven Messmethoden bin.

  1. spiegeln sie nur einen kleinen Teil des ganzen Kuchens wider, weil wir meistens nur dort hinschauen, wo wir unzufrieden sind
  2. sind sie hochgradig anfällig für Verzerrungen (du kennst das von dir selbst: wenn du in einer Situation extrem wütend bist, reagierst du anders als wenn du eine Nacht darüber schläfst und am nächsten Tag eine bessere Lösung findest, um deine Wut zu kanalisieren – d.h. Gefühle allein reichen manchmal nicht aus, um eine Situation zu bewerten und Entscheidungen zu treffen).

Ähnlich verhält es sich mit Bereichen im Leben, in denen du dich eingeschränkt fühlst. Wir Menschen schauen dann oft mit unserer gesamten Aufmerksamkeit auf den einen Punkt, wo es nicht gut läuft und vernachlässigen dabei all die wichtigen Ziele, dir wir bereits erreicht haben, in denen die Dinge schon gut laufen! Das liegt einfach in der menschlichen Natur – und es ist auch völlig in Ordnung mit bestimmten Dingen unzufrieden zu sein, solange du nicht ins Totalisieren verfällst („alles läuft schlecht“, „ich werde es nie schaffen“, „das bringt alles nichts“). Unzufriedenheit ist ein starker Motor für Veränderung, wenn wir gut mit ihr und uns umgehen.

Warum es so wichtig ist, Therapie-Ergebnisse objektiv zu messen

Sie bringen dir einen klaren Fokus, weil sie dich zurück in die Spur holen. Und sie setzen alle Bereiche aus deinem Leben in einen großen Rahmen, um einen Überblick über Bereiche zu bekommen, wo es wirklich noch nicht gut läuft – aber sie vernachlässigen eben nicht die guten Bereiche.

Lass uns doch einfach zwei fiktive Beispiele durchspielen.

Person 1 hat eine fortgeschrittene Arthrose im Knie und fühlt sich durch Schmerzen und Funktionsverlust bereits in ihrem Leben eingeschränkt.

Erstmal ist es wichtig herauszufinden, wo diese Einschränkungen tatsächlich sind. Denn auch wenn sie sich subjektiv nach überall anfühlen, zeigt sich durch gezielte Messungen oft, dass sie nicht überall sind.

Beim Knie gibt es mehrere gute Fragebögen. Ich nutze gerne den Knee Injury Osteoarthritis Outcome Score, kurz KOOS. Dieser screent verschiedene Lebensbereiche und zeigt am Ende durch eine Umrechnung in %, wo es wirklich noch fehlt, um sich wieder uneingeschränkt zu fühlen. Es ist auch möglich nur bestimmte Bereiche (z.B. Sport und Freizeit) zu evaluieren. Dadurch erhalten wir sehr differenzierte Ergebnisse – und das ist gut!

Wenn die Person den Fragebogen absolviert, wird

  1. sichtbar, dass es doch noch Bereiche gibt, in denen es nicht so dramatisch aussieht wie es sich anfühlt und das kann neue Hoffnung und Mut bringen
  2. deutlich, wo die Therapie ansetzen muss, um an der Verbesserung zu arbeiten, die sich die Person wünscht
  3. nachvollziehbar, wie nach und nach Veränderungen geschehen, die mit Zahlen nachweisbar sind. Denn auch wenn die Medizin leider noch anders arbeitet, zeigt die Forschung bereits, dass man sehr gut mit einer Arthrose leben kann.

Kommen wir zum zweiten Beispiel.

Person 2 hat sich nach langem hin und her nun doch für eine OP entschieden und möchte mit ihrer Knie-Prothese wieder zurück in die alte Lebensqualität finden (sonst wäre die OP ja völlig überflüssig gewesen?!).

Diese Person kann ihren eigenen rehabilitativen Prozess nachverfolgen, indem sie in bestimmten definierten Abständen und in Rücksprache mit ihrem Therapeuten den KOOS-Test (oder andere Fragebögen) durchführt.

So wird

  1. deutlich, ob es Fortschritte gibt. Denn gerade in der Rehabilitation ist Frust vorprogrammiert. Wir haben willentlich nur wenig Einfluss auf die Heilungsprozesse des Körpers. Wenn wir die Arbeit aber gut machen und im Einklang mit dem Körper arbeiten, sind die Fortschritte unaufhaltsam
  2. sichtbar, wo es noch fehlt, um auf das alte Niveau zu kommen
  3. möglich, die nötige Entfernung zum subjektiven Gefühl zu bekommen, um die Fortschritte neu zu bewerten (weil die Rehabilitation nun mal langwierig und arbeitsintensiv ist) und die Motivation aufrecht zu erhalten am Ball zu bleiben.

Das gleiche Beispiel könnte man auch mit Hüftbeschwerden oder Rückenschmerzen, etc. durchspielen.

Gute Therapie fühlt sich nicht immer nur schön an und nur weil sich etwas schön anfühlt, muss es nicht bedeuten, dass es dich auch dort hin bringt, wo du wieder hin möchtest.

Wenn du nämlich nicht die Verantwortung für deinen eigenen Prozess übernimmst, kann es schnell passieren, dass dir die Therapie zwar irgendwie gut tut, aber die Frage an dich ist: erreichst du damit auch wirklich dein Ziel?

Und ohne Ziel frage ich mich: wozu brauchst du dann überhaupt mich als Therapeuten?


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