Grundlegende Unterschiede von akutem und chronischem Schmerz

Es gibt den akuten Schmerz, und es gibt den chronischen Schmerz (und dazwischen natürlich viele Grautöne).

Akuter Schmerz erfüllt eine wichtige Schutzfunktion. Er zwingt uns auf eine Situation sofort zu reagieren oder zumindest inne zu halten, um zu prüfen, was gerade nicht stimmt – und dann die nötigen Anpassungen vorzunehmen, um es wieder stimmig zu machen.

Bei chronischem Schmerz hingegen hat sich diese Schutzfunktion verselbständigt. Das bedeutet, wir reagieren (noch immer) auf etwas, was eigentlich schon vergangen ist.

Die Bedrohlichkeit, die wir instinktiv feststellen, löst bei beiden Formen die gleichen Reaktionen aus – mit völlig unterschiedlichen Ergebnissen!

Beim akuten Schmerz dient die Reaktion dem Schutz, der Versorgung, Schonung und Heilung des Gewebes, und vor allem: der Reflexion der auslösenden Situation, um daraus Rückschlüsse zu ziehen – daher müssen wir uns nicht mehrfach verbrennen, um zu lernen, dass die Herdplatte heiß ist).

Warum chronischer Schmerz völlig anders ist

Bei anhaltenden Schmerzen hält diese Reaktion Betroffene oft in einem Zustand gefangen, da der innere Alarmmodus in einer Dauerschleife läuft. Ein bisschen wie bei einem Megaphon – ich kann zwar flüsternd reinsprechen, aber es kommt am Ende vielfach verstärkt heraus. Alles und nichts kann dann subjektiv zur Verschlechterung führen, weil der Regler permanent hochgedreht ist.

Die intuitive Reaktion auf anhaltende Schmerzen zeigt sich häufig so als wenn es sich um akuten Schmerz handeln würde. Betroffene probieren alle gängigen Wege aus: sie schonen ihr Gewebe oder tun ihm Gutes, damit es heilen kann (fragt sich nur, was genau da heilen soll?!) – aber der Schmerz hört trotzdem nicht langfristig auf.

Das Dilemma: die meisten glauben irgendwann, dass bestimmte Strukturen in ihrem Körper Schuld an ihrem Problem wären und es beginnt ein langer schmerzhafter Weg, der sich gegen den eigenen Körper richtet.

Betroffene zeigen je nach Persönlichkeit eine Häufung von verschiedenen Handlungsmustern (z.T. auch in Mischformen), nämlich

⟶ die, die gar nichts mehr machen aus Angst, etwas falsches zu tun oder das Problem zu verschlechtern

⟶ die, die kompensatorisch viel machen, aber nicht das, was sie eigentlich machen sollten

⟶ die, die versuchen es „richtig“ zu machen und bei der Umsetzung Schwierigkeiten haben,

aber am eigentlichen Problem verändert sich wenig.

Schmerzen verändern unsere psychische Verfassung. Diese wiederum wirkt sich auf das Schmerzerleben aus. Vieles geht nicht mehr so wie man es früher kannte und alles bedingt sich gegenseitig. Der perfekte Teufelskreis ist geboren.

Die Behandlung von akutem und chronischem Schmerz hat völlig unterschiedliche Voraussetzungen und Wege – deswegen fallen Menschen mit anhaltenden Schmerzen so oft durch das Raster

Das Gesundheitssystem hängt in der Diagnostik und Behandlung von chronischen Schmerzen (noch) hinterher. Darum helfen die meisten Dinge, die wir bei akuten Schmerzen tun für Menschen mit chronischen Schmerzen langfristig nicht. Eigentlich passiert genau das Gegenteil – es verschlimmert den Zustand und die Überzeugungen von Betroffenen. Sie machen immer wieder die gleiche Erfahrung: dass wenig bis gar nichts langfristig gegen ihre Schmerzen hilft und dass irgendwas in ihnen oder ihrem Körper unwiederbringlich kaputt, entzündet, verschoben, abgenutzt, verletzt, blockiert sein muss.

Was aber, wenn wir diese Geschichte, die Betroffene (und leider auch Expert:innen) immer noch erzählen, grundlegend verändern?!

Die Kernbotschaft: Schmerzen sind immer real. Chronischer Schmerz bedeutet nicht zwingend, dass Du einen Schaden im Gewebe hast. Er zeigt Dir vielmehr an, wie sensibel Dein Gewebe auf (sonst völlig normale) Reize geworden ist!

Deswegen funktionieren die meisten gängigen Lösungen nicht. Sie arbeiten am Problem vorbei.

Während akuter Schmerz eine vermehrt körperliche Komponente haben kann, spielen bei anhaltenden Schmerzen die wechselseitigen Beziehungen aus (oft unbewussten) Handlungen, Überzeugungen, Zuständen, Gefühlen, Gedanken, Glaubenssätzen, Erfahrungen, Werten, Beziehungen etc. eine tragende Rolle. Diese Stellschrauben gilt es zu justieren.

Ein kleines Beispiel: stell Dir vor, Du hast einen Topf, der ständig überkocht, wenn Du Deine Lieblingssuppe kochen möchtest (das Überkochen symbolisiert „Schmerz“). In diesem Topf sind verschiedene Zutaten enthalten. Manche Zutaten sind essentiell für die Suppe, wie bspw. Flüssigkeit (in diesem Beispiel steht die Flüssigkeit für körperliche Veränderungen, die man auch bei asymptomatischen Menschen findet). Ich kann der Suppe zwar nicht die Flüssigkeit entziehen (sonst ist es ja keine Suppe mehr), aber ich kann die anderen Zutaten mit der Zeit so anpassen, dass der Topf weniger intensiv, viel seltener oder gar nicht mehr überkocht und die Suppe trotzdem großartig schmeckt.

Das ist eine adäquate, langfristige und nachhaltige Behandlung von anhaltenden Schmerzen.

Warum es (häufig) keinen Sinn macht, den Körper reparieren zu wollen

OPs und Tabletten bringen häufig nicht den gewünschten Effekt oder aber zu einem hohen Preis.

Nicht, dass OPs nicht gut wären (manchmal sind sie sogar zwingend notwendig und auch sinnvoll), aber sie sollten in der Versorgung den letzten Schritt darstellen. Ihr Risikopotential ist hoch und sie liefern häufig nicht die Ergebnisse, die sich Betroffene wünschen. Mehr dazu hier in einem SWR-Bericht.

Passive oder reparative Maßnahmen haben nur eine kurze Wirkdauer. Sie führen außerdem zu einer Abhängigkeit von dem-/derjenigen, der/die sie durchführt (ohne wichtige Kernaspekte des Problems anzusprechen).

Was stattdessen zielführender ist

➡️ ein sinnvolles, gut geplantes und an Dich als Person angepasstes Training

➡️ das Zurückgewinnen von empowernder Selbstwirksamkeit und Handlungsfähigkeit

➡️ das Aufdecken und Verändern von unbewussten Mechanismen, die Schmerzen aufrecht erhalten oder unnötig in die Länge ziehen

➡️ ein offenes und verständnisvolles Ohr (oder vielleicht eher Herz), dass Dir in schwierigen Phasen Kraft spendet

➡️ das langfristige Ziel, Dein Leben zum Guten zu verändern.

Last but not least

Wenn Du mit anhaltenden Schmerzen oder eingeschränkter Belastbarkeit zu tun hast, hier eine wichtige Info von mir für Dich: Du bist damit nicht allein. Du bist auch nicht irgendwie „kaputt“. Höchstwahrscheinlich hat die bisherige Herangehensweise Dein Problem nur nicht ganz erfasst und das ist nicht Deine Schuld. Auch wenn es sich manchmal so anfühlt, müssen Schmerzen kein endgültiges Urteil sein. Suche Dir Begleitung, die Dich als ganzen Menschen sieht, versteht und anspricht (statt vermeintlich kaputte Körperteile reparieren zu wollen).

Wie Du eine:n gute:n Therapeut:in finden kannst, erfährst Du hier.


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