Was verursacht Schmerz? Und was passiert, wenn er nicht mehr vergeht?

Leider ist das Thema „Schmerz“ gar nicht so einfach zu beschreiben, da es sich um ein sehr komplexes multidimensionales Konstrukt (mit Vergangenheit und Zukunft) handelt. Einige Formen von Schmerz sind klar zu identifizieren, andere hingegen scheinen weit verzweigt und reichen in viele Bereiche unseres Lebens hinein. Schwarz/weiß-Modelle stoßen sehr schnell an ihre Grenzen (einfache Erklärungen berücksichtigen nämlich oft nicht die Komplexität von Ursache und Wirkung), stattdessen scheint es sich eher um eine große graue Masse zu handeln, in der alles möglich ist.

Aber nochmal von vorne.

Schauen wir doch einfach mal, welche Möglichkeiten es so gibt, warum Schmerzen entstehen…

Starten wir mit dem einfachsten Beispiel: dem akuten Trauma, also der Verletzung.

Es kommt hier zu einer Überschreitung der Kontinuitätsgrenze unseres Gewebes mit einer tatsächlichen Schädigung von Körperstrukturen.

Kurz danach ist unser Körper bereits emsig daran, diesen Schaden zu reparieren und folgt einem für jedes Gewebe klar definierten Heilungsplan (mit individuellen Heilungszeiten). Hierfür benötigt er allerdings eine gutes Milieu (sowohl allgemein als auch auf zellulärer Ebene), indem er seiner Arbeit nachgehen kann. Oft gibt es nach der Verletzung eine Art „Ruheschmerz“. Dieser wird in der Literatur unterschiedlich angegeben mit 0-7 Tagen und soll uns eigentlich dazu bringen, die betroffene Region zu schonen, damit die jeweiligen Heilungsprozesse möglichst ungestört ablaufen können. Wir sprechen von der sog. „1. Wundheilungsphase“. Ihr Ziel ist der Wundverschluss, das Abwehren von eindringenden Krankheitserregern und die Versorgung des Gebiets mit Nährstoffen, um alle weiteren Prozesse zu ermöglichen.

Normalerweise ist das Gewebe nach Abschluss der Wundheilung wiederhergestellt und funktionsfähig (wenn es sich nicht um eine komplizierte, komplexe Verletzung mit weitreichenden Konsequenzen handelt). In der Tierwelt kann man beobachten, dass Tiere betroffene Regionen entlasten, sich sonst aber „normal“ bewegen. Wir Menschen hingegen scheinen aufgrund unseres bewussten Denkens anfälliger zu sein für dysfunktionales Verhalten in Zusammenhang mit Schmerzen. Schmerzkatastrophisierung oder Bewegungsangst sind mögliche Beispiele, die man hier nennen kann.

D.h. statt nur die betroffene Region zu schonen, beginnen wir unsere Bewegungsmuster weiträumig zu verändern oder wir erliegen bestimmten Vorstellungen, dass dieses oder jenes „falsch“ oder „schlecht“ für den Körper oder die Heilung sei und wir mehr Schaden anrichten würden. Dieses Phänomen ist oft zu beobachten bei Menschen mit Rückenschmerzen (hier herrscht z.B. der Mythos, dass starkes Bücken oder Heben von schweren Gegenständen schlecht für den Rücken sei, dabei scheint allerdings nicht die Bewegung selbst, sondern eher die Belastbarkeit bzw. der Trainingszustand unseres Körpers eine Rolle für das Verletzungsrisiko zu spielen), die stark individualisierte Bewegungsmuster entwickeln, obwohl der Strukturschaden längst verheilt ist oder aber keine Rolle mehr spielt.

Läuft die Wundheilung jedoch komplikationslos ab, ist der Schmerz vorbei, sobald er seine Schutzfunktion erfüllt hat und das Gewebe bereit ist alltäglichen Reizen ausgesetzt zu werden. Muten wir dem heilenden Gewebe mehr zu als es bereit ist zu halten (Belastung > Belastbarkeit), kann es zur erneuten Verletzung kommen (meist nicht so stark wie beim ursprünglichen Trauma). Dann fängt der Heilungsprozess einfach wieder von vorne an und wir haben erneut Schmerzen, um die Region zu schonen. Ist das schlecht? Muss nicht zwingend sein. Das muss individuell betrachtet werden. In manchen Fällen ist genau das sogar gewollt, um die Gewebetoleranz zu steigern. Aber das ist jetzt andere Musik.

Dieser Schmerz ist also akut und tritt in o.g. Zusammenhang auf, wenn die Gewebegrenze überschritten wurde bzw. wenn sie droht während des Rehabilitationsprozesses erneut überschritten zu werden und erfüllt dadurch seine Funktion als Schutzmechanismus zum Erhalt des Individuums (und evolutionär betrachtet dadurch natürlich immer auch der Art). Er klingt ab, sobald er vom System nicht mehr gebraucht wird.


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