Woran orientieren wir uns eigentlich im therapeutischen Prozess (z.B. in der rehabilitativen Physiotherapie)?!

Ich mache es mal kurz: nicht am Schmerz. Oder besser nicht am Schmerz allein.

Schmerz ist keine valide Messgröße, denn sie unterliegt starken Schwankungen (allein durch unsere Tagesform oder unseren Gemütszustand oder Schlaf oder Stress oder…). Und der Komplex Schmerz ist auch viel zu anfällig für Verzerrungen.

Was meine ich damit?

So wie ein Placebo statistisch messbar bewirken kann, dass ein bestimmtes (positives) Ereignis wahrscheinlicher wird, geht das ganze auch gegenteilig (ins Negativ) – durch einen Nocebo.

Und jetzt frage dich selbst: wieviele verschiedene Meinungen zum Thema Schmerz hast du bereits gehört? Waren all diese Aussagen untereinander stimmig (oder hattest du eher das Gefühl, jeder erzählt was völlig anderes)? Waren sie positiv? Waren sie negativ? Haben sie dir überhaupt geholfen? Wenn ja, haben sie die Dinge nachhaltig verändert?

Stell dir einmal vor, was das mit deiner Vorstellung von Schmerz und der Art wie du ihn dir erklärst und erlebst, macht…

Wo der Schmerz eigentlich hingehört

Es sollte viel mehr so sein als wenn sich der Schmerz mit vielen anderen Dingen auf einer Ebene einreiht – auf Augenhöhe mit dem Rest von dir quasi, denn du bist ja viel mehr als nur Schmerz – und nicht von uns auf einen erhabenen Thron gesetzt wird, von dem aus er Einfluss auf vieles im Leben hat und sich den Dingen überordnet. Hier liegt die Verantwortung beim Therapeuten als Begleiter, denn wenn wir das in diesem Kontext alleine könnten, hätten wir die Barriere durch den Schmerz ja nicht. Der Therapeut hilft also dabei, den Schmerz neu zu bewerten und ihn wieder dort zu platzieren, wo er uns nutzt und seinen Zweck erfüllen kann.

Er steht nicht im Vordergrund, aber er bekommt seinen sinnvollen Platz. Neben Dingen wie Freude, Sport, Bewegung, Gefühlen, Angst, Alltag, Nichtstun, Arbeiten, Beziehungen, Funktion, Gesundheit, Gedanken, Schlaf, Kommunikation, usw.

Das ist natürlich gerade sehr verallgemeinernd und wenig greifbar formuliert.

Deswegen zurück zur Frage: woran orientieren wir uns im therapeutischen Prozess?

Vordergründig an der Funktion und Flexibilität des Systems Mensch.

Das bedeutet wir schauen, was will diese konkrete Person, die durch ihren Schmerz eingeschränkt ist, wieder machen können. Wo will sie in ihrem Leben noch hin. Wo sind ihre Barrieren und woran sollte sie noch arbeiten. Was braucht sie für ein hohes Maß an alltäglicher Flexibilität und Mobilität. Das sind bessere Orientierungsgrößen, weil sie sich am Gesundheitspotenzial ausrichten (statt etwas „wegmachen“ zu wollen)…

Fun Fact: gesunde Organismen zeichnen sich übrigens durch eine weite Bandbreite an Flexibilität aus. Ein kleines Beispiel: Lässt man Menschen über einen Boden laufen, der mit Sensoren ausgestattet ist, kann man die Abrollmuster des Fußes grafisch darstellen. Legt man diese nun übereinander erkennt man, dass die Linien eine extreme Streuung haben und chaotisch aussehen. Haben wir aber eine Pathologie im Fuß so wird das Abrollmuster immer einheitlicher (als wenn die Linien mehr aufeinander liegen würden und dadurch dicker werden) – es gibt einen Verlust an Flexibilität.

Jetzt kommt der Schmerz wieder ins Spiel. Wenn wir an Dingen arbeiten, die Schmerz verursachen ODER verursacht haben (oder von denen wir glauben, dass sie ihn verursachen könnten), möchten wir diese Dinge intuitiv eher vermeiden. Und genau dort fängt es an spannend zu werden. Denn ein Umlernen kann nur stattfinden, indem das Gehirn völlig neue Erfahrungen macht und seine Befürchtungen oder Ängste nicht eintreten (ansonsten wiederholt sich ständig die gleiche Schleife, die wir ja in- und auswendig kennen). Oder indem das System lernt, dass es sich doch irgendwie zu helfen weiß, wenns drauf ankommt – dass es selbstwirksam ist. Aber auch das geht nur über verkörperte Erfahrungen. Wenn das alles rein mental funktionieren würde, hätten wir vermutlich kaum Menschen mit chronifizierten Schmerzen. Man könnte sie sich ja einfach wegdenken…

Wenn ich dem Schmerz nicht ausweiche und ihn auch nicht provoziere, sondern in einer respektvollen Art mit ihm arbeite, kann es passieren, dass Dinge plötzlich wieder möglich werden, die man nicht mehr für möglich gehalten hätte (da kann ich selber viele Beispiele aus meinem Arbeitsleben erzählen…). Denn am Ende des Tages ist Schmerz ein Gefahrensignal (mein System stuft irgendwas als Bedrohung oder Gefahr für mich ein und Schmerz ist eben eine sehr wirkungsvolle Antwort, um mich zu schützen). Und nur weil ich etwas (unbewusst oder bewusst) als Gefahr einstufe, muss das noch lange nicht bedeuten, dass es auch wirklich eine ist. Die Bewertung und Einordnung entsteht ja durch den Kontext.

„Und was bedeutet das jetzt?“

Zusammengefasst bedeutet das: wir orientieren uns eher an Dingen, die uns dabei helfen uneingeschränkt und flexibel zu werden, also an Dingen, die wir konnten als wir „gesünder“ waren (mir ist leider kein besserer Satz eingefallen). Und dann nutzen wir den Schmerz als Feedbackschleife, um die hemmende Barriere an Einschränkungen langsam zu senken oder vielleicht sogar abzubauen, indem wir die Belastbarkeit und das Vertrauen in uns und unseren Körper immer weiter nach oben justieren!

Steigt der Schmerz in diesem Prozess extrem an, haben wir das System zu viel herausgefordert (das nennt man im med. Gebrauch übrigens „flare up“, also ein Aufflammen von bekannten Beschwerden – wir haben einfach für alles ein Fachwort 🙂 ). Gibt es im Gegenteil gar keinen Schmerz, war die Herausforderung nicht stark genug und wir haben somit keine grundlegende Veränderung im System, weil zu wenig Input. Genau so machen es übrigens auch Sportler oder Menschen, die ihre körperliche Belastbarkeit steigern wollen. Und auch sie haben mit den selben Auswirkungen zu tun – mehr oder weniger.

Irgendwo dazwischen gilt es eine gute Mitte zu finden aus dem, was das System bereit ist zu leisten und dem, was wir (wieder) leisten wollen.

An die Arbeit, fertig, los!

Disclaimer: hierbei handelt es sich um meine Erfahrungen in der Behandlung von Menschen mit chronifizierten Schmerzen und Wissen aus der Schmerzforschung. Dieser Beitrag ersetzt keine kompetente Behandlung. Bitte zögere nicht, dir bei anhaltenden Beschwerden Hilfe zu suchen.


2 Kommentare

Renate Krüger · 5. Juli 2020 um 17:51

Ein sehr komplexes Thema, mit wenigen Worten gut dargestellt.
Das Eigenscreening habe ich noch nicht gefunden.

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