retrainpain.org – was ist Schmerz und wofür brauche ich ihn?

Die Retrain Pain Foundation ist eine gemeinnützige Organisation aus den Vereinigten Staaten, die von spezialisierten Therapeuten gegründet wurde, um ein besseres Verständnis zum Thema „Schmerz“ an Laien zu vermitteln.

Hierfür haben sie einen kleinen Online-Workshop in knapp 30 Sprachen entwickelt, der auf wissenschaftlich fundiertem Wissen basiert und den Interessenten mit Hilfe von anschaulichen Bildern und Beschreibungen durch 8 Kapitel führt und dabei zum einen den Nutzen von Schmerz erklärt, zum anderen aber auch veranschaulicht wie er sich verselbständigen kann und so seine protektive Funktion und Sinnhaftigkeit verliert.

Dieser kleine Kurs ist nicht nur für Menschen, die unter schmerzhaften Einschränkungen leiden, sondern auch generell für jeden von uns, der sich noch nie mit der Thematik befasst hat, durchaus interessant.

Über den Link gelangen Sie zum Workshop in deutscher Sprache:

http://www.retrainpain.org/deutsch/

Vorsicht: der Workshop ersetzt natürlich keinen qualifizierten Rat oder kompetente Hilfe, sondern dient lediglich zur Veranschaulichung des Themas Schmerz. Zögern Sie bei langanhaltenden körperlichen Beschwerden bitte nicht, sich professionelle Hilfe zu suchen.

Kurzbeitrag Schmerz

In der modernen Medizin gibt es zur Zeit zwei unterschiedliche Ansätze zum Thema „Schmerz“. Zum einen den biomedizinischen und zum anderen den biopsychosozialen. Ich versuche Ihnen beide Theorien näher zu bringen.

Der biomedizinische Ansatz geht davon aus, dass bei Schmerzen ein Gewebeschaden droht oder bereits existiert. Vereinfacht bedeutet das: es tut weh, also muss es kaputt sein. Danach richtet sich die Diagnostik und Behandlung. Es wird nach körperlichen Ursachen gesucht, die verantwortlich gemacht werden und die den Schmerz erklären sollen. Die Gefahr ist allerdings groß, dass wir strukturelle Veränderungen, die bei jedem gesunden Menschen ebenfalls vorkommen können fälschlicherweise als Erklärung nutzen, um die These zu untermauern. Dadurch kann es in nicht wenigen Fällen zu falschen Diagnosen oder unzutreffenden Erklärungen kommen

Werden keine strukturellen Schäden gefunden, die den Schmerz plausibel nachvollziehbar machen, wird der Pat. samt Beschwerden in Frage gestellt.

Wie Sie sehen, stoßen wir bei diesem Modell sehr schnell an die Grenzen, denn es kann nicht erklären, wie so viele Menschen strukturelle Schäden und dennoch keine Schmerzen haben können. Und genauso funktioniert es nicht bei Menschen, die keinen strukturellen Schaden haben und trotzdem unter Schmerzen leiden.

Das biopsychosoziale Modell versucht sich mit der Komplexität des Themas Schmerz genauer zu befassen. Es wird aus drei Säulen gebildet: der Biologie (also der Struktur), der Psyche und dem Sozialen Anteil, der uns Menschen ausmacht.

Schmerz ist immer eine Output-Leistung des Gehirns. D.h. vereinfacht formuliert, dass unser zentrales Nervensystem den gesamten Input, den es bekommt, verrechnet und am Ende je nach Summierung Schmerz aussendet oder eben nicht.

Achtung, nicht zu verwechseln: Schmerz und Nozizeption (aktue Schmerzwahrnehmung)!

Während Schmerz eine komplexe Antwort unseres zentralen Nervensystems darstellt, handelt es sich bei der Nozizeption um die akute Schmerzwahrnehmung, die uns vor drohendem oder voranschreitendem Gewebeschaden schützen soll. Beispielsweise registrieren die Thermorezeptoren und Nozizeptoren unserer Haut, wenn sich unsere Hand einer heißen Herdplatte nähert und warnen uns eindringlich davor, dass wir uns verbrennen könnten. Hierfür muss es nicht zwingend zu einer Gewebeschädigung gekommen sein.

Die Schmerzforschung findet immer neuere und spannendere Informationen über die Art, wie wir Schmerz wahrnehmen und verarbeiten heraus. Es wird z.B. vermutet, dass Schlaf und Regeneration einen viel größeren Anteil bei der Entstehung und Chronifizierung spielen als der tatsächliche struktruelle Schaden.

Arbeitsplatzsituation, berufliche Zufriedenheit, sozialer Austausch, sozialer Rückhalt, Vertrauen, Work/Life Balance, Aktivität, finanzielle Sorglosigkeit, etc. all dies gehört zu den Dingen, die uns zu sozialen Wesen machen. Und auch sie haben Einfluss auf die Verarbeitung bzw. auf unsere Resilienz (Resilienz beschreibt die Widerstandsfähigkeit, äußeren Einflüssen –  sowohl emotional als auch sozial – zu widerstehen).

Desweiteren spielen unsere Glaubenssätze, Stress und die Gedanken, die im Hintergrund mitschwingen eine ebenfalls wichtige Rolle. Neige ich zum Katastrophisieren? Gebe ich der Schmerzwahrnehmung (zu) viel Raum? Habe ich Angst vor Bewegung und Belastung? Befürchte ich, dass ich etwas falsches machen könnte? Vertraue ich meinem Körper? Bin ich entspannt und bewerte den Schmerz rational oder reagiere ich sehr sensibel?

Sie wären erstaunt, wenn Sie wüssten, welchen Belastungen unser Körper täglich ausgesetzt und wie widerstandsfähig er trotzdem ist, denn er ist lebendig und viel wichtiger: er ist für diese Art der alltäglichen Belastungen optimal gemacht! Er nutzt jede Sekunde, um sich zu regenerieren, zu reparieren und noch widerstandsfähiger zu werden. Und wir sprechen hier von sehr belastbaren Strukturen. Nehmen wir einmal straffes Bindegewebe; es kommt in Sehnen vor und ist in der Lage enormen Zugbelastungen standzuhalten und große Kräfte auf den Knochen zu übertragen. Es gibt Literatur, in der wird angegeben, dass die menschliche Achillessehne z.B. Belastungen bis zu 800kg aushalten kann ohne dass es zu Schäden kommt!

Also seien Sie skeptisch, wenn Ihnen jemand einreden will, dass Sie instabil wären oder ihr Körper mit der Belastung nicht klarkommen würde. Dass sie zu viel oder die falschen Bewegungen gemacht hätten, denn es gibt am Ende des Tages nur wenige Beweise für solche Aussagen! Manchmal braucht es nur jemanden, der die Bewegungen oder die Belastung modifiziert, das Nervensystem desensibilisiert oder Ihnen bessere Alternativen vorschlägt.

Es ist noch einiges zu tun, um die Diagnostik von Beschwerden und die Behandlung von Schmerzen in der Medizin den Ergebnissen der modernen Schmerzforschung anzupassen. Aber Sie sind durch Ihr Interesse an diesem Beitrag vielleicht schon ein Stück weiter.

Disclaimer: hierbeit handelt es sich nicht um medizinische oder therapeutische Empfehlungen. Sollten Sie Beschwerden haben, suchen Sie sich bitte qualifizierte Hilfe.