Was sind Leitlinien und wozu dienen sie? Teil 2

Fallbeispiel. Jetzt wird es interessant…

Nehmen wir einmal an, Ihnen wird beispielsweise die Implantation einer Knieendoprothese (Knie-TEP) empfohlen. Jetzt könnten Sie zu Hause z.B. bei der AWMF (Portal für wissenschaftliche Medizin, wird von den meisten medizinischen Fachleuten genutzt) im Suchfeld „Knieendoprothese“ eingeben.

Die Datenbank zeigt Ihnen eine Auswahl an Dokumenten zum obigen oder zu ähnlichen Themen an.

Bei unserer Suche stoßen wir auf eine S2k-Leitlinie (erinnern Sie sich an die aufsteigende Wertigkeit der Leitlinien: S1, S2k, S2e, S3) , in der Kriterien aufgelistet werden, die die Implantation für eine Knie-TEP nahelegen bzw. davon abraten.

Dazu gibt es eine Vollversion, Kurzversion und eine Patientenversion! Sie könnten natürlich die gesamte Leitlinie lesen, aber die Patientenversion ist für Laien am verständlichsten formuliert.

Durch Klicken der jeweiligen Datei öffnen Sie die PDF und können durch die Leitlinie blättern. Das sieht anfangs viel aus, aber sie ist gut strukturiert. Man findet die gewünschten Informationen ziemlich schnell.

So sind Sie nicht mehr nur auf die Meinung von medizinischem Personal angewiesen, sondern können sich selbst schlau machen. Denn hierbei handelt es sich nicht um Dr. Google Forenbeiträge oder Meinungen von selbsterenannten Spezialisten, sondern um eine kritische Auseinandersetzung mit der Thematik von Fachleuten verschiedener Fachkreise, die zu einem Konsens gekommen sind.

Sie möchten sicherlich wissen, welchen Vorteil diese Recherche für Sie bietet…?

Sie wären erstaunt, wenn Sie wüssten, wieviele OPs heutzutage überflüssigerweise durchgeführt werden, obwohl wir wissen und auch wissenschaftlich belegen können, dass konservative Wege in vielen Fällen z.T. befriedegerende Ergebnisse erzielen können. Am Ende kann immer noch operiert werden, wenn die Therapie nicht anschlägt, aber die OP sollte eben nur eine von vielen Möglichkeiten darstellen, die vielleicht erst zum Ende in Erwägung gezogen werden kann.

Aber Vorsicht. Ich möchte Sie mit diesem Beitrag nicht dazu animieren, dem Arzt oder Therapeut Ihres Vertrauens aus Prinzip zu widersprechen, denn auch diese handeln im Allgemeinen leitliniengerecht, wenn es sich um kompetente Ansprechpartner handelt oder der gegebene Rahmen es zulässt.
Es geht mir lediglich darum, Sie dazu zu motivieren von Ihrem Mitspracherecht Gebrauch zu machen und die öffentlich zugänglichen Kanäle hierfür zu nutzen.

Seien Sie mutig und probieren Sie es einmal aus. Jetzt wünsche ich Ihnen erstmal viel Spaß bei Ihrer Recherche!


Liebe Kollegen, im Anhang der Vollversion zur Leitlinie „Indikation für eine Knieendoprothese“ gibt es sogar eine strukturierte Checkliste zur Empfehlung einer Knie-TEP Implantation, anhand derer man die Indikation ermitteln kann. Also kann es für uns durchaus auch interessant sein die Datenbank zu Themen, mit denen wir oft konfrontiert werden oder die uns interessieren, weil wir unser Fachwissen erweitern wollen, zu durchsuchen.

Hiergehts zur Vollversion für medizinisches Personal:
https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/033-052k_S2k_Knieendoprothese_2018-05.pdf

Hier gehts zur Patientenversion:
https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/033-052p_S2k_Knieendoprothese_2018-04.pdf

Was sind Leitlinien und wozu dienen sie? Teil 1

Leitlinien sind Feststellungen und Aussagen, die systematisch entwickelt werden, um einen optimalen Behandlungsansatz zu definieren. Sie sind nicht rechtlich bindend im Gegensatz zu Richtlinien, aber enthalten in der Regel den „Goldstandard“ der zielgerichteten Behandlung und sind für Ärzte, Therapeuten UND Patienten öffentlich zugänglich.

Sie werden in unterschiedliche Grade eingeteilt, dazu gehören…


S1-Leitlinien: informelle Konsensfindung von Expertengruppen; empirische Handlungsempfehlung durch Erfahrung

S2k-Leitlinien: formale Konsensfindung

S2e-Leitlinien: evidenzbasiert, es hat eine systematische Recherche stattgefunden

S3-Leitlinien: evidenz- UND konsensbasiert; alle Schritte einer systematischen Recherche wurden durchlaufen; kritische Auseinandersetzung


wobei die S3-Leitlinie den höchsten Grad an methodischer Qualität und Durchführung darstellt.

Zusatzwissen: Zusätzlich werden Leitlinien nach Evidenzklassen eingeteilt. Diese sind nicht einheitlich und gliedern sich bei Cochrane Deutschland bspw. in…

Ia: Analysen von randomisierten kontrollierten Studien (RCT)
Ib: Analysen von mindestens einer RCT
IIa: Analyse von nicht randomisierten kontrollierten Studien
IIb: Analyse von experimentellen Studien
III: deskriptive Studien, Vergleichsstudien
IV: Evidenz aufgrund von Experten-Ausschüssen und -meinungen durch klinische Erfahrung

Hier ist die Klasse Ia diejenige, mit der höchsten Evidenz.

Der Nutzen von Leitlinien liegt darin, dass [die Transparenz medizinischer Entscheidungen gefördert werden. Sie werden entwickelt, indem zu speziellen Versorgungsproblemen Wissen aus unterschiedlichen Quellen zusammengetragen und gewertet wird. Zudem ist eine Berücksichtigung und Diskussion gegensätzlicher Standpunkte und besonderer situativer Erfordernisse wichtiger Bestandteil der Leitlinienentwicklung. Leitlinien entbinden […] nicht von der Überprüfung der individuellen Anwendbarkeit im konkreten Fall, sie dienen lediglich als Entscheidungshilfen […] Quelle: https://www.cochrane.de/de/leitlinien

Umso wichtiger ist es für Sie als Patient, medizinische Entscheidungen kritisch zu hinterfragen und auf ihren Gesundheitsbezug und Wahrheitsgehalt zu prüfen und dafür müssen Sie keineswegs vom Fach sein!

Im zweiten Teil dieses Beitrags möchte ich mit Ihnen ein Fallbeispiel durchgehen, um Ihnen zu zeigen, wie Sie Leitlinien zu Ihren Gunsten nutzen können.