„Wie läuft denn so eine Sitzung bei Ihnen ab?“

Ungefähr so. 🙂

Beispiel: Sie kommen zu mir und wir führen erstmal ein ausführliches Anamnese-Gespräch gefolgt von einer körperlichen Untersuchung und einem Screening, um ernsthafte Erkrankungen auszuschließen.

Danach stelle ich anhand der Informationen, die ich gesammelt habe eine Diagnose und wir definieren gemeinsam ein Ziel (z.B. wieder längere Strecken ohne Beschwerden laufen können…), ich sage Ihnen wieviel Zeit Sie realistisch einplanen sollten und wie ich Sie dabei sinnvoll unterstützen kann.

Dann arbeiten wir so lange zusammen bis Sie Ihr Ziel erreicht haben. Bei dem einen reichen vielleicht nur drei Interventionen, um sein Problem zu beheben oder Linderung zu erzielen, beim anderen sind es 12 Einheiten oder mehr (jeder kann nach der Befunderhebung und meiner groben Einschätzung freiwillig entscheiden, ob er weiter mit mir arbeiten möchte oder nicht und muss kein Rezept „abarbeiten“).

Das ganze findet natürlich auch über den Rahmen der therapeutischen Sitzung hinaus statt, z.B. in Form von Hausaufgaben, die genau auf Sie zugeschnitten sind. Am Ende machen wir ein Re-Check, um sicherzugehen, dass es in die richtige Richtung für Sie geht und wenn Sie mit der Entwicklung zufrieden sind, entlasse ich Sie in die Selbstwirksamkeit und Eigenständigkeit (nichts ist schlimmer als ständig von einem Therapeuten abhängig zu sein!)

Also eigentlich so, wie die Therapie im Sinne der Schulmedizin und eines patientenzentrierten bio-psycho-sozialen Ansatzes aussehen sollte.

Möglichkeiten für Schmerzen Teil 1

Was verursacht Schmerz? Und was passiert, wenn er nicht mehr vergeht?

Leider ist das Thema „Schmerz“ gar nicht so einfach zu beschreiben, da es sich um ein sehr komplexes multidimensionales Konstrukt (mit Vergangenheit und Zukunft) handelt. Einige Formen von Schmerz sind klar zu identifizieren, andere hingegen scheinen weit verzweigt und reichen in viele Bereiche unseres Lebens hinein. Schwarz/weiß-Modelle stoßen sehr schnell an ihre Grenzen (einfache Erklärungen berücksichtigen nämlich oft nicht die Komplexität von Ursache und Wirkung), stattdessen scheint es sich eher um eine große graue Masse zu handeln, in der alles möglich ist.

Aber nochmal von vorne.

Schauen wir doch einfach mal, welche Möglichkeiten es so gibt, warum Schmerzen entstehen…

Starten wir mit dem einfachsten Beispiel: dem akuten Trauma, also der Verletzung.

Es kommt hier zu einer Überschreitung der Kontinuitätsgrenze unseres Gewebes mit einer tatsächlichen Schädigung von Körperstrukturen.

Kurz danach ist unser Körper bereits emsig daran, diesen Schaden zu reparieren und folgt einem für jedes Gewebe klar definierten Heilungsplan (mit individuellen Heilungszeiten). Hierfür benötigt er allerdings eine gutes Milieu (sowohl allgemein als auch auf zellulärer Ebene), indem er seiner Arbeit nachgehen kann. Oft gibt es nach der Verletzung eine Art „Ruheschmerz“. Dieser wird in der Literatur unterschiedlich angegeben mit 0-7 Tagen und soll uns eigentlich dazu bringen, die betroffene Region zu schonen, damit die jeweiligen Heilungsprozesse möglichst ungestört ablaufen können. Wir sprechen von der sog. „1. Wundheilungsphase“. Ihr Ziel ist der Wundverschluss, das Abwehren von eindringenden Krankheitserregern und die Versorgung des Gebiets mit Nährstoffen, um alle weiteren Prozesse zu ermöglichen.

Normalerweise ist das Gewebe nach Abschluss der Wundheilung wiederhergestellt und funktionsfähig (wenn es sich nicht um eine komplizierte, komplexe Verletzung mit weitreichenden Konsequenzen handelt). In der Tierwelt kann man beobachten, dass Tiere betroffene Regionen entlasten, sich sonst aber „normal“ bewegen. Wir Menschen hingegen scheinen aufgrund unseres bewussten Denkens anfälliger zu sein für dysfunktionales Verhalten in Zusammenhang mit Schmerzen. Schmerzkatastrophisierung oder Bewegungsangst sind mögliche Beispiele, die man hier nennen kann.

D.h. statt nur die betroffene Region zu schonen, beginnen wir unsere Bewegungsmuster weiträumig zu verändern oder wir erliegen bestimmten Vorstellungen, dass dieses oder jenes „falsch“ oder „schlecht“ für den Körper oder die Heilung sei und wir mehr Schaden anrichten würden. Dieses Phänomen ist oft zu beobachten bei Menschen mit Rückenschmerzen (hier herrscht z.B. der Mythos, dass starkes Bücken oder Heben von schweren Gegenständen schlecht für den Rücken sei, dabei scheint allerdings nicht die Bewegung selbst, sondern eher die Belastbarkeit bzw. der Trainingszustand unseres Körpers eine Rolle für das Verletzungsrisiko zu spielen), die stark individualisierte Bewegungsmuster entwickeln, obwohl der Strukturschaden längst verheilt ist oder aber keine Rolle mehr spielt.

Läuft die Wundheilung jedoch komplikationslos ab, ist der Schmerz vorbei, sobald er seine Schutzfunktion erfüllt hat und das Gewebe bereit ist alltäglichen Reizen ausgesetzt zu werden. Muten wir dem heilenden Gewebe mehr zu als es bereit ist zu halten (Belastung > Belastbarkeit), kann es zur erneuten Verletzung kommen (meist nicht so stark wie beim ursprünglichen Trauma). Dann fängt der Heilungsprozess einfach wieder von vorne an und wir haben erneut Schmerzen, um die Region zu schonen. Ist das schlecht? Muss nicht zwingend sein. Das muss individuell betrachtet werden. In manchen Fällen ist genau das sogar gewollt, um die Gewebetoleranz zu steigern. Aber das ist jetzt andere Musik.

Dieser Schmerz ist also akut und tritt in o.g. Zusammenhang auf, wenn die Gewebegrenze überschritten wurde bzw. wenn sie droht während des Rehabilitationsprozesses erneut überschritten zu werden und erfüllt dadurch seine Funktion als Schutzmechanismus zum Erhalt des Individuums (und evolutionär betrachtet dadurch natürlich immer auch der Art). Er klingt ab, sobald er vom System nicht mehr gebraucht wird.

quote of the day

Menschen sind grob in drei Kategorien zu unterteilen:

Die Wenigen, die dafür sorgen, dass etwas geschieht; die Vielen, die zuschauen, wie etwas geschieht; und die überwältigende Mehrheit, die keine Ahnung hat, was überhaupt geschieht.

(Karl Weinhofer)

Zielführend trainieren (oder dem Training einen Sinn geben)

Übungen gibt es Millionen viele. Dafür braucht es nicht wirklich einen Therapeuten. Wer interessiert ist, kann in unseren Zeiten youtuben und zig verrückte Dinge trainieren. Doch wie sinnvoll ist das ganze?

Unsere Freizeit ist begrenzt. Unsere Motivation genauso. Und Geduld wächst leider nicht auf Bäumen. Sind wir in unseren alltäglichen Funktionen eingeschränkt, wünschen wir uns möglichst schnelle Gesundung. Geht das mit jeder Übung?

Ich sage ganz klar „nein!“. Denn es geht darum, das Fenster, welches uns zur Verfügung steht, optimal zu nutzen, um möglichst schnell und effektiv Progression zu bewerkstelligen. Das geht jedoch nur mit einer sinnhaften und zielführenden Auswahl an Übungen.

Wir brauchen eine möglichst große Schnittmenge zwischen Pathologie bzw. Einschränkung und Übungsauswahl, um mit wenig Aufwand ziemlich schnell ziemlich viel zu erreichen.

Und viel hilft nicht viel. Wenn ich ganz viele Übungen mache, ist das leider kein Garant, dass ich mein Ziel schnell(er) erreiche. Und meines Erachtens ist es auch Zeitverschwendung. Manche Dinge unterliegen einfach nicht unserem Willen (z.B. die Gewebeheilung) – da kann ich noch so viel wollen und machen, es ändert nichts. UND manchmal ist weniger mehr. Wenn ich wenige Übungen habe, die aber wirklich exakt auf mein Problem zugeschnitten sind, kann das tausendfach effektiver sein als 15 Übungen, die völlig am Ziel vorbeigehen…

Auf deutsch: ich muss zielgerichtet trainieren und ich brauche anfangs vielleicht eine individuelle Übungsauswahl und Korrektur (das ist dann die Aufgabe des Therapeuten – nach einer eingehenden Anamnese, Untersuchung und einer gemeinsamen Zielformulierung). Training und Therapie ist kein Entertainment-Programm, es ist tatsächlich intensive Arbeit!

Wenn ich die Treppen nicht steigen kann, dann trainiere ich das Treppensteigen. Oder ich brauche Übungen, die dem möglichst nahe kommen, um irgendwann wieder Treppen steigen zu können. Mit Fahrradfahren wird mein Knie allerdings nicht automatisch kräftiger für das Treppensteigen. Und ich werde auch nicht automatisch längere Strecken gehen können, wenn ich auf dem Fahrrad trainiere. Verständlich, oder?

Ohne Ziel, kein individualisiertes Trainingsprogramm.

Ohne individualisiertes Trainingsprogramm, kein Fortschritt.

Ohne Fortschritt, keine Motivation.

thats it!

Wie finde ich einen guten (Physio)Therapeuten?

Berechtigte Frage. Denn schließlich wollen wir ja alle in den Genuss einer gut geplanten, kompetenten und wenn möglich zielführenden Therapie kommen.

Also, worauf sollte man als „Laie“ bei der Therapeutenwahl achten…?

Hier ein paar Vorschläge von mir (alle Angaben ohne Gewähr):

Kompetenzen. Jemand, der viele Zertifikate vorweisen kann, ist nicht automatisch ein guter Therapeut. Aber im Gespräch können wir ein Gefühl dafür bekommen, ob die Person auch das verkörpert, was sie erzählt und ob sie es aus einer inneren Überzeugung in die Therapie einfließen lässt. Ob sie in der Lage ist, dieses Wissen verständlich zu vermitteln und Fachwissen in Laiensprache zu übersetzen. Ob unsere Wahrnehmung von der Person einfach in sich stimmig erscheint (und ich bin der festen Überzeugung, wir Menschen haben einen sehr guten Radar hierfür).

Aktiv vor passiv. Gute Therapie bedeutet nicht, sich hinlegen und gesund machen zu lassen. Es kann durchaus sinnvoll sein, den Körper auf bestimmte Herausforderungen vorzubereiten oder ihn in bestimmten Phasen mit passiven Maßnahmen zu unterstützen. Die Gewichtung muss stimmen. Aktivität ist der Schlüssel zur Progression. Wenn ich Treppensteigen trainiere, werde ich im Treppensteigen besser, aber nicht unbedingt beim Bewältigen von langen Strecken. Es geht darum, den Körper in vielfältiger Weise herauszufordern, um die allgemeine Belastbarkeit zu verbessern. Das geht nur über Aktivität. Über sinnvolle Aktivität, die zum Kontext und zum Ziel passt. Kein Mensch wird nach der zehnten Einheit rein passiver Therapie wie durch Wunder plötzlich die Treppen ohne Probleme steigen können, wenn er es seit einem halben Jahr nicht mehr gemacht hat. Ich lasse mich gerne eines besseren belehren…

Motivation. Ein Therapeut muss nicht immer nur nett und freundlich sein. Manche Dinge möchte man vielleicht nicht gerne hören, aber es ist die Aufgabe des Therapeuten aufzuzeigen, wo der Weg in eine Sackgasse führen und welche Alternative sinnvoller sein könnte. Auch unangenehme Dinge kann man emphatisch rüberbringen. Dies ist aus meiner Sicht eine, der Kernqualifikationen eines guten Therapeuten, Empathie (und damit meine ich nicht mentale Empathie, sondern mitfühlende Empathie, denn aus meiner Sicht beginnt wahres Mitgefühl dort, wo wir uns in Dinge einfühlen können, die wir eigentlich nicht verstehen!!!).

Struktur. Gibt es einen nachvollziehbaren roten Faden oder finden die Therapien unabhängig und lose voneinander statt? Es kann natürlich Sinn machen, den Behandlungsverlauf an die Tagesform anzupassen, wenn es mal Hindernisse oder Einschränkungen geben sollte. Ich meine eher, ob deutlich wird, dass es in die „richtige“ Richtung geht. Wenn das Problem nach zehn Einheiten in der gleichen Form vorliegt, sollte aufjedenfall mal nachgehakt werden, ob das ein typischer Verlauf ist (in seltenen Fällen dauern Veränderungen etwas länger, aber das sollte der Therapeut deutlich und nachvollziehbar erklären können, vielleicht auch schon vor Beginn der Therapie, als Beispiel kann ich chronifizierte Schmerzen anführen, die keine eindeutige Ursache aufweisen, hier brauchen wir einen anderen zeitlichen Rahmen…).

Einfühlungsvermögen. Wenn ich mich als Pat. nicht ernst genommen fühle, stimmt etwas nicht. Werden meine Aussagen abgetan oder heruntergeredet, denke ich, gibt es nicht lange zu fackeln. Das ist reine Zeitverschwendung. Damit will ich nicht sagen, dass alles, was der Pat. erzählt „richtig“ sein muss, aber falsche Vorstellungen korrigieren oder jemanden nicht ernst nehmen sind zwei völlig verschiedene Welten.

Die extra Prise. Ein guter Therapeut holt sich auf vielen verschiedenen Ebenen Informationen. Und ein besonders guter versucht diese Informationen so zu verwerten, dass die Therapie nicht nur Sinn bekommt, sondern vielleicht sogar auch ein bisschen Spaß machen kann. Als Beispiel: wenn jemand erzählt, dass er in seiner Freizeit gerne Basketball spielt, dann kann man so einen netten Ball sehr gut in die Therapie einbauen. Nicht nur als Motivation, sondern auch als Spaßfaktor. Interessant ist nämlich, dass unser Gehirn Bewegungen mit Emotionen abspeichert und wir können „bessere“ Bewegungsmuster aus alten Speichern rekrutieren, wenn wir positive Bewegungs-Erinnerungen aktivieren oder zurückholen, z.B. über einen Basketball.

Ehrlichkeit. Auch ich musste schon desöfteren sagen, dass ich Pat. einfach nicht weiterhelfen kann. Oder dass ich etwas nicht weiß. Oder keine Antwort auf die Frage habe. Ich persönlich finde Ehrlichkeit im therapeutischen Rahmen so viel authentischer als mir irgendwas aus den Fingern zu saugen, um bloß nicht als inkompetent abgestempelt zu werden. Dreh den Spieß doch mal um: was würdest du dir selbst wünschen? Dass man dir ehrlich sagt, wenn man keine Antwort hat oder dass man halbherzig eine Antwort zusammenbastelt nur um sich nicht blöd zu fühlen? Wovon wirst du als Pat. wohl mehr profitieren…?

Und zum Schluss: aufs Bauchgefühl hören! Wenn es nicht passt, dann passt es eben nicht. Die Gründe sind eigentlich egal. Es ist deine Zeit und deine Gesundheit, die am Ende darunter leidet.

Noch Fragen? Fragen.

rundum die Endoprothetik (TEPs) Teil 5

Ein Thema, dass alle nach einer TEP-OP beschäftigt: wann werde ich meine Stützen (endlich) los?

Leider gibt es keine pauschale Antwort auf diese Frage. Man kann nicht sagen „nach 4 Wochen brauchen Sie Ihre Stützen nicht mehr…“, denn mehrere Kriterien müssen erfüllt sein, um die Stützen abzutrainieren, daher kann die Frage nur individuell beantwortet werden.

Sie brauchen zunächst ein harmonisches Gangbild. Harmonisch bedeutet nicht perfekt. Wir haben alle so unsere Eigenarten, die zum Repertoire des normalen menschlichen Gehens gehören. Es gibt bestimmte Faktoren, die sind essentiell für das Gehen (z.B. genügend Streckung im Hüftgelenk oder gleich lange Schritte auf beiden Beinen). Und dann gibt es andere Faktoren, die man gerne vernachlässigen kann (z.B. nach außen zeigende Füße oder die Größe der Schritte). Ziel ist nicht wie im Lehrbuch zu gehen, sondern so, dass Dritte nicht mehr erkennen können, welches das operierte Bein ist.

Sie benötigen sowohl die Kraft als auch motorische Kontrolle, das operierte Bein voll zu belasten. Generell sollten wir Menschen in der Lage sein, für einen kurzen Augenblick auf einem Bein stehen zu können (das gilt für beide Beine, egal welches das kräftigere im Alltag ist), denn nichts anderes machen wir, während des aufrechten Gehens. Während ein Bein die gesamte Last trägt, lösen wir das andere vom Boden und schwingen es einen Schritt nach vorne – das bedeutet, wir stehen kurz auf einem Bein (das passiert beim Gehen ziemlich schnell, daher nimmt man das nicht so explizit wahr). Das können Sie ganz einfach alleine testen: stellen Sie sich jeweils auf ein Bein. Sind Sie in der Lage für ein paar Sekunden auf dem jeweiligen Bein stehen zu können oder brauchen Sie Hilfe über die Hände? Oder müssen Sie den Oberkörper stark zu einer Seite neigen, um stehenbleiben zu können? Stehen Sie auf dem operierten genau so gut wie auf dem nichtoperierten?

Sie brauchen nahezu volles Bewegungsausmaß im operierten Gelenk. Gibt es beispielsweise ein Streckdefizit im Knie oder der Hüfte hat sich die Frage des Gehens ohne Stützen eigentlich erledigt, denn Sie zwingen Ihren Körper dazu unphysiologisch zu gehen. Wenn in einem Gelenk Beweglichkeit fehlt, versucht unser Körper über die angrenzenden Gelenke zu kompensieren, da er die Schrittlängen beim Gehen auf beiden Beinen angleichen möchte (das gehört zur Gangökonomie und ist eine Priorität). Gehen ohne Stützen ist also keine Frage des Könnens (denn das würde vermutlich auch mit einem Streckdefizit gehen), sondern eine Frage der Bewegungsqualität. Nur so am Rande: eine „falsch“ eingeschliffene Bewegung rauszutrainieren, ist viel schwieriger und zeitaufwändiger.

Sie müssen ohne größere Schmerzen laufen können. Wenn die Gangmechanik als solche schmerzhaft ist, wird sie gestört erfolgen, denn das Gehirn hat ja das Bestreben, dass es uns gut geht und wird stetig versuchen uns aus der schmerzhaften Bewegung rauszuholen (spätestens dann, wenn wir uns nicht mehr auf das Gangbild konzentrieren).

Fazit: alle Kriterien sind gleich wichtig! Fehlt einer dieser Faktoren spricht das gegen ein Gehen ohne Stützen. Hier ist ein enger Austausch mit Ihrem Therapeuten gefragt, denn die Schwierigkeit besteht darin, die Gangqualität stetig zu verbessern ohne dass die Motivation dabei flöten geht. Es ist möglich mit Kompromissen zu arbeiten, damit es sich nicht total zäh und langweilig anfühlt. Auf der anderen Seite ist es nicht normal den ganzen Tag über das Gehen nachzudenken und gegenzusteuern. Ich arbeite viel lieber mit „Geh-Trainingseinheiten“. Öfter am Tag in kurzen Zeitfenstern mit Korrektur gehen und dann auch den Kopf wieder ausschalten. Anders tun wir es beim Vokabelnlernen ja auch nicht. Stellen Sie sich mal vor, Sie würden den ganzen Tag über Vokabeln nachdenken und versuchen Sie mit Gewalt in Ihren Kopf zu hämmern. Diese Energie lässt sich eindeutig besser nutzen…

Machen Sie sich folgendes bewusst: ob Sie einige Wochen nach der OP mit oder ohne Stützen gehen, hat so gut wie keine Aussagelraft über den Erfolg der OP!

In diesem Sinne: bleiben Sie in Bewegung!

rundum die Endoprothetik (TEPs) Teil 4

Sie haben sich nun endgültig für eine OP entschieden, weil Ihre Beschwerden trotz effizienter Therapie nicht besser geworden sind – aber wie geht es jetzt eigtnlich weiter?

Sie haben ja quasi die Qual der Wahl bei so vielen Operateuren und Kliniken, die gefühlt alle nur Endoprothesen (TEPs) implantieren. Und dann gibt es da noch die Freunde/Bekannte, die eigentlich immer jemanden empfehlen und nur auf diese Person schwören…

Aber was können Sie objektiv tun (so ein Eingriff will schließlich gut abgewogen werden und man möchte sich in besten Händen fühlen und von Profis betreut werden). Hier ein paar unverbindliche Möglichkeiten, die Sie zurate ziehen können:

Suchen Sie nach zertifizierten Häusern. Die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie hat 2012 ein Projekt ins Leben gerufen, die eine qualitativ hochwertige Versorgung mit Endoprothesen gewährleisten soll. Hierfür werden Einrichtungen von extern anhand bestimmter Kriterien zertifiziert und rezertifiziert (z.B. müssen Sie eine Mindestmenge an Endoprothesen pro Jahr implantieren, dadurch sind sie natürlich hochgradig auf diese Form von OP spezialisiert, was viele Vorteile mit sich bringt). Weitere Infos finden Sie unter https://endocert.de/

Vergleichen Sie die Häuser anhand von Qualitätsmerkmalen. Die „Weiße Liste“ ist ein Projekt der Bertelsmann Stiftung in Zusammenarbeit mit Patienten- und Verbraucherorganisationen, die mittels verschiedener Kriterien die Kliniken untereinander vergleicht. Dazu zählen nicht nur Zufriedenheit und med. Versorgung, sondern z.B. auch die Hygiene und Belastung mit resistenten Keimen. Weitere Infos finden Sie unter https://www.weisse-liste.de/de/

Vergleichen Sie verschiedene OP-Methoden. Jeder Operateur entscheidet sich aus bestimmten Gründen für seine OP-Methode und wird sie natürlich mit allen Mitteln verteidigen (was sein gutes Recht ist). So birgt jede Methode gewisse Vor-, aber auch Nachteile. Je nachdem, welche Erwartungen Sie an Ihr restliches Leben mit einer TEP stellen, könnten die Vorteile von bestimmten OP-Methoden überwiegen. Hier ist es wichtig, sich mehrere Meinungen einzuholen und offen über Ansprüche, Wünsche, Erwartungen zu sprechen und kritische Fragen zu stellen, damit sich möglichst herauskristallisiert, welche Methode am besten zu Ihnen und/oder zu dem, was Sie sich von der OP versprechen, passt.

Holen Sie sich verschiedene Meinungen ein. Anders tun Sie es beim Kauf einer Waschmaschine vermutlich auch nicht. Sie schauen sich verschiedene Angebote an und wägen ab, welches am besten zu Ihnen und Ihren Wünschen passen könnte. Es gibt in der Medizin nicht DIE eine Lösung. Viele (gute) Wege führen nach Rom. Sie dürfen sich den für Sie passendsten Weg aussuchen (oder zumindest mitentscheiden, ist ja schließlich Ihr Körper).

Und nicht zu vergessen: hören Sie auf Ihr Bauchgefühl. Nach objektiver kritischer Prüfung der Krankenhäuser ist es natürlich auch wichtig, dass Sie sich vor Ort wohlfühlen und das Gefühl haben, sich in guten Händen zu befinden. Man muss ehrlicherweise zugeben, dass die Implantation von Endoprothesen mittlerweile ein hochstandartisiertes Verfahren darstellt und im Grunde alle Operateure ihr Handwerk sehr gut verstehen.

Noch Fragen? Fragen!

Am Ende möchte ich natürlich betonen, dass es sich hierbei um meine subjektiven Empfehlungen aufgrund meiner langjährigen Erfahrung in der Nachbehandlung von Endoprothesen-OPs handelt. Alle Angaben sind ohne Gewähr und ich habe keine Verbindungen zu den o.g. Portalen.

Warum mehr Evidenz in der Therapie zwingend notwendig ist

Hierfür hat die European Partnership of Evidence and Problem Based Paramedical Education (EPEPE) einen zu 100% treffenden Artikel verfasst, den ich hier eins zu eins übernommen und dem ich nichts hinzuzufügen habe:

„Was bedeutet eigentlich Evidenz?

Der Begriff Evidenz leitet sich innerhalb der Medizin von dem englischsprachigen Wort „evidence“ ab und kann auch mit Beweis, Zeugnis oder auch Ergebnis übersetzt werden. 

Bezogen ist dieser Beweis auf die Erkenntnisse innerhalb von wissenschaftlichen Studien, die meist einen untersuchten Sachverhalt bestätigen oder widerlegen. 

Eine evidenzbasierte Medizin verlangt demnach, dass bei jeder medizinischen Behandlung eine patientenorientierte Entscheidung auf der Basis von empirischer Wirksamkeit getroffen wird. 

Wichtig zu erwähnen ist, dass evidenzbasiert keinesfalls bedeutet, dass der Fokus lediglich auf dem wissenschaftlichen Beweis liegt. 

Die evidenzbasierte Medizin stützt sich auf 3 Säulen: 

Die klinische Expertise des Therapeuten

Die Wünsche und Erfahrungen des Patienten

Den aktuellen Stand von Wissenschaft und Forschung 


Sackett et al. (1997) definieren evidenzbasierte Medizin folgendermaßen:

„EbM ist der gewissenhafte, ausdrückliche und vernünftige Gebrauch der gegenwärtig besten externen, wissenschaftlichen Evidenz für Entscheidungen in der medizinischen Versorgung individueller Patienten.“

„Die Praxis der EbM bedeutet die Integration individueller klinischer Expertise mit der bestmöglichen externen Evidenz aus systematischer Forschung.“

Das evidenzbasierte Handeln findet fachübergreifend innerhalb des Gesundheitswesens seine Anwendung. Daher generierte man den allgemeinen Begriff der evidenzbasierten Praxis (EBP). Innerhalb der Physiotherapie hat sich zusätzlich der Begriff der evidenzbasierten Physiotherapie geformt. 

Für die evidenzbasierte Physiotherapie formulierten Herbert et al. folgende Definition: 

„Evidenzbasierte Physiotherapie ist Physiotherapie, welche auf relevanter, qualitativ hochwertiger Forschung fußt. Die Praxis der evidenzbasierten Physiotherapie sollte durch relevante, qualitativ hochwertige klinische Forschung, die Präferenzen der Patienten und das praktische Wissen des Physiotherapeuten geprägt sein.“

Warum eigentlich evidenzbasierte Physiotherapie? 

Das primäre Ziel ist es, eine optimale physiotherapeutische Versorgung des Patienten zu ermöglichen. Im Mittelpunkt stehen dabei immer die Erwartungen, Ansichten und Ziele des Patienten. Die evidenzbasierte Physiotherapie hält den Therapeuten dazu an, sein Handeln immer wieder zu hinterfragen, Erfolge messbar darzustellen und sich selbst auf dem aktuell besten wissenschaftlichen Erkenntnisstand zu halten. Somit bietet sie der therapeutischen Entscheidungsfindung einen Rahmen und fördert gleichzeitig den Transfer theoretischer Forschungsergebnisse in den Praxisalltag. 

Mit der Umsetzung in die tägliche Praxis besteht zugleich die Chance, selbstbewusster mit der eigenen Profession umzugehen. 

Nach Antes et al. (2003) gibt es für die EBP kein starres „Kochbuchrezept“, sie ist eine Ergänzung zu der therapeutischen Erfahrung und kann zur Verbesserung der Qualität und des Behandlungserfolgs beitragen.“

Quelle: https://epepe.eu/forschung/evidence-based/was-ist-ebp/