Wie finde ich einen guten (Physio)Therapeuten?

Berechtigte Frage. Denn schließlich wollen wir ja alle in den Genuss einer gut geplanten, kompetenten und wenn möglich zielführenden Therapie kommen.

Also, worauf sollte man als „Laie“ bei der Therapeutenwahl achten…?

Hier ein paar Vorschläge von mir (alle Angaben ohne Gewähr):

Kompetenzen. Jemand, der viele Zertifikate vorweisen kann, ist nicht automatisch ein guter Therapeut. Aber im Gespräch können wir ein Gefühl dafür bekommen, ob die Person auch das verkörpert, was sie erzählt und ob sie es aus einer inneren Überzeugung in die Therapie einfließen lässt. Ob sie in der Lage ist, dieses Wissen verständlich zu vermitteln und Fachwissen in Laiensprache zu übersetzen. Ob unsere Wahrnehmung von der Person einfach in sich stimmig erscheint (und ich bin der festen Überzeugung, wir Menschen haben einen sehr guten Radar hierfür).

Aktiv vor passiv. Gute Therapie bedeutet nicht, sich hinlegen und gesund machen zu lassen. Es kann durchaus sinnvoll sein, den Körper auf bestimmte Herausforderungen vorzubereiten oder ihn in bestimmten Phasen mit passiven Maßnahmen zu unterstützen. Die Gewichtung muss stimmen. Aktivität ist der Schlüssel zur Progression. Wenn ich Treppensteigen trainiere, werde ich im Treppensteigen besser, aber nicht unbedingt beim Bewältigen von langen Strecken. Es geht darum, den Körper in vielfältiger Weise herauszufordern, um die allgemeine Belastbarkeit zu verbessern. Das geht nur über Aktivität. Über sinnvolle Aktivität, die zum Kontext und zum Ziel passt. Kein Mensch wird nach der zehnten Einheit rein passiver Therapie wie durch Wunder plötzlich die Treppen ohne Probleme steigen können, wenn er es seit einem halben Jahr nicht mehr gemacht hat. Ich lasse mich gerne eines besseren belehren…

Motivation. Ein Therapeut muss nicht immer nur nett und freundlich sein. Manche Dinge möchte man vielleicht nicht gerne hören, aber es ist die Aufgabe des Therapeuten aufzuzeigen, wo der Weg in eine Sackgasse führen und welche Alternative sinnvoller sein könnte. Auch unangenehme Dinge kann man emphatisch rüberbringen. Dies ist aus meiner Sicht eine, der Kernqualifikationen eines guten Therapeuten, Empathie (und damit meine ich nicht mentale Empathie, sondern mitfühlende Empathie, denn aus meiner Sicht beginnt wahres Mitgefühl dort, wo wir uns in Dinge einfühlen können, die wir eigentlich nicht verstehen!!!).

Struktur. Gibt es einen nachvollziehbaren roten Faden oder finden die Therapien unabhängig und lose voneinander statt? Es kann natürlich Sinn machen, den Behandlungsverlauf an die Tagesform anzupassen, wenn es mal Hindernisse oder Einschränkungen geben sollte. Ich meine eher, ob deutlich wird, dass es in die „richtige“ Richtung geht. Wenn das Problem nach zehn Einheiten in der gleichen Form vorliegt, sollte aufjedenfall mal nachgehakt werden, ob das ein typischer Verlauf ist (in seltenen Fällen dauern Veränderungen etwas länger, aber das sollte der Therapeut deutlich und nachvollziehbar erklären können, vielleicht auch schon vor Beginn der Therapie, als Beispiel kann ich chronifizierte Schmerzen anführen, die keine eindeutige Ursache aufweisen, hier brauchen wir einen anderen zeitlichen Rahmen…).

Einfühlungsvermögen. Wenn ich mich als Pat. nicht ernst genommen fühle, stimmt etwas nicht. Werden meine Aussagen abgetan oder heruntergeredet, denke ich, gibt es nicht lange zu fackeln. Das ist reine Zeitverschwendung. Damit will ich nicht sagen, dass alles, was der Pat. erzählt „richtig“ sein muss, aber falsche Vorstellungen korrigieren oder jemanden nicht ernst nehmen sind zwei völlig verschiedene Welten.

Die extra Prise. Ein guter Therapeut holt sich auf vielen verschiedenen Ebenen Informationen. Und ein besonders guter versucht diese Informationen so zu verwerten, dass die Therapie nicht nur Sinn bekommt, sondern vielleicht sogar auch ein bisschen Spaß machen kann. Als Beispiel: wenn jemand erzählt, dass er in seiner Freizeit gerne Basketball spielt, dann kann man so einen netten Ball sehr gut in die Therapie einbauen. Nicht nur als Motivation, sondern auch als Spaßfaktor. Interessant ist nämlich, dass unser Gehirn Bewegungen mit Emotionen abspeichert und wir können „bessere“ Bewegungsmuster aus alten Speichern rekrutieren, wenn wir positive Bewegungs-Erinnerungen aktivieren oder zurückholen, z.B. über einen Basketball.

Ehrlichkeit. Auch ich musste schon desöfteren sagen, dass ich Pat. einfach nicht weiterhelfen kann. Oder dass ich etwas nicht weiß. Oder keine Antwort auf die Frage habe. Ich persönlich finde Ehrlichkeit im therapeutischen Rahmen so viel authentischer als mir irgendwas aus den Fingern zu saugen, um bloß nicht als inkompetent abgestempelt zu werden. Dreh den Spieß doch mal um: was würdest du dir selbst wünschen? Dass man dir ehrlich sagt, wenn man keine Antwort hat oder dass man halbherzig eine Antwort zusammenbastelt nur um sich nicht blöd zu fühlen? Wovon wirst du als Pat. wohl mehr profitieren…?

Und zum Schluss: aufs Bauchgefühl hören! Wenn es nicht passt, dann passt es eben nicht. Die Gründe sind eigentlich egal. Es ist deine Zeit und deine Gesundheit, die am Ende darunter leidet.

Noch Fragen? Fragen.

rundum die Endoprothetik (TEPs) Teil 5

Ein Thema, dass alle nach einer TEP-OP beschäftigt: wann werde ich meine Stützen (endlich) los?

Leider gibt es keine pauschale Antwort auf diese Frage. Man kann nicht sagen „nach 4 Wochen brauchen Sie Ihre Stützen nicht mehr…“, denn mehrere Kriterien müssen erfüllt sein, um die Stützen abzutrainieren, daher kann die Frage nur individuell beantwortet werden.

Sie brauchen zunächst ein harmonisches Gangbild. Harmonisch bedeutet nicht perfekt. Wir haben alle so unsere Eigenarten, die zum Repertoire des normalen menschlichen Gehens gehören. Es gibt bestimmte Faktoren, die sind essentiell für das Gehen (z.B. genügend Streckung im Hüftgelenk oder gleich lange Schritte auf beiden Beinen). Und dann gibt es andere Faktoren, die man gerne vernachlässigen kann (z.B. nach außen zeigende Füße oder die Größe der Schritte). Ziel ist nicht wie im Lehrbuch zu gehen, sondern so, dass Dritte nicht mehr erkennen können, welches das operierte Bein ist.

Sie benötigen sowohl die Kraft als auch motorische Kontrolle, das operierte Bein voll zu belasten. Generell sollten wir Menschen in der Lage sein, für einen kurzen Augenblick auf einem Bein stehen zu können (das gilt für beide Beine, egal welches das kräftigere im Alltag ist), denn nichts anderes machen wir, während des aufrechten Gehens. Während ein Bein die gesamte Last trägt, lösen wir das andere vom Boden und schwingen es einen Schritt nach vorne – das bedeutet, wir stehen kurz auf einem Bein (das passiert beim Gehen ziemlich schnell, daher nimmt man das nicht so explizit wahr). Das können Sie ganz einfach alleine testen: stellen Sie sich jeweils auf ein Bein. Sind Sie in der Lage für ein paar Sekunden auf dem jeweiligen Bein stehen zu können oder brauchen Sie Hilfe über die Hände? Oder müssen Sie den Oberkörper stark zu einer Seite neigen, um stehenbleiben zu können? Stehen Sie auf dem operierten genau so gut wie auf dem nichtoperierten?

Sie brauchen nahezu volles Bewegungsausmaß im operierten Gelenk. Gibt es beispielsweise ein Streckdefizit im Knie oder der Hüfte hat sich die Frage des Gehens ohne Stützen eigentlich erledigt, denn Sie zwingen Ihren Körper dazu unphysiologisch zu gehen. Wenn in einem Gelenk Beweglichkeit fehlt, versucht unser Körper über die angrenzenden Gelenke zu kompensieren, da er die Schrittlängen beim Gehen auf beiden Beinen angleichen möchte (das gehört zur Gangökonomie und ist eine Priorität). Gehen ohne Stützen ist also keine Frage des Könnens (denn das würde vermutlich auch mit einem Streckdefizit gehen), sondern eine Frage der Bewegungsqualität. Nur so am Rande: eine „falsch“ eingeschliffene Bewegung rauszutrainieren, ist viel schwieriger und zeitaufwändiger.

Sie müssen ohne größere Schmerzen laufen können. Wenn die Gangmechanik als solche schmerzhaft ist, wird sie gestört erfolgen, denn das Gehirn hat ja das Bestreben, dass es uns gut geht und wird stetig versuchen uns aus der schmerzhaften Bewegung rauszuholen (spätestens dann, wenn wir uns nicht mehr auf das Gangbild konzentrieren).

Fazit: alle Kriterien sind gleich wichtig! Fehlt einer dieser Faktoren spricht das gegen ein Gehen ohne Stützen. Hier ist ein enger Austausch mit Ihrem Therapeuten gefragt, denn die Schwierigkeit besteht darin, die Gangqualität stetig zu verbessern ohne dass die Motivation dabei flöten geht. Es ist möglich mit Kompromissen zu arbeiten, damit es sich nicht total zäh und langweilig anfühlt. Auf der anderen Seite ist es nicht normal den ganzen Tag über das Gehen nachzudenken und gegenzusteuern. Ich arbeite viel lieber mit „Geh-Trainingseinheiten“. Öfter am Tag in kurzen Zeitfenstern mit Korrektur gehen und dann auch den Kopf wieder ausschalten. Anders tun wir es beim Vokabelnlernen ja auch nicht. Stellen Sie sich mal vor, Sie würden den ganzen Tag über Vokabeln nachdenken und versuchen Sie mit Gewalt in Ihren Kopf zu hämmern. Diese Energie lässt sich eindeutig besser nutzen…

Machen Sie sich folgendes bewusst: ob Sie einige Wochen nach der OP mit oder ohne Stützen gehen, hat so gut wie keine Aussagelraft über den Erfolg der OP!

In diesem Sinne: bleiben Sie in Bewegung!

rundum die Endoprothetik (TEPs) Teil 4

Sie haben sich nun endgültig für eine OP entschieden, weil Ihre Beschwerden trotz effizienter Therapie nicht besser geworden sind – aber wie geht es jetzt eigtnlich weiter?

Sie haben ja quasi die Qual der Wahl bei so vielen Operateuren und Kliniken, die gefühlt alle nur Endoprothesen (TEPs) implantieren. Und dann gibt es da noch die Freunde/Bekannte, die eigentlich immer jemanden empfehlen und nur auf diese Person schwören…

Aber was können Sie objektiv tun (so ein Eingriff will schließlich gut abgewogen werden und man möchte sich in besten Händen fühlen und von Profis betreut werden). Hier ein paar unverbindliche Möglichkeiten, die Sie zurate ziehen können:

Suchen Sie nach zertifizierten Häusern. Die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie hat 2012 ein Projekt ins Leben gerufen, die eine qualitativ hochwertige Versorgung mit Endoprothesen gewährleisten soll. Hierfür werden Einrichtungen von extern anhand bestimmter Kriterien zertifiziert und rezertifiziert (z.B. müssen Sie eine Mindestmenge an Endoprothesen pro Jahr implantieren, dadurch sind sie natürlich hochgradig auf diese Form von OP spezialisiert, was viele Vorteile mit sich bringt). Weitere Infos finden Sie unter https://endocert.de/

Vergleichen Sie die Häuser anhand von Qualitätsmerkmalen. Die „Weiße Liste“ ist ein Projekt der Bertelsmann Stiftung in Zusammenarbeit mit Patienten- und Verbraucherorganisationen, die mittels verschiedener Kriterien die Kliniken untereinander vergleicht. Dazu zählen nicht nur Zufriedenheit und med. Versorgung, sondern z.B. auch die Hygiene und Belastung mit resistenten Keimen. Weitere Infos finden Sie unter https://www.weisse-liste.de/de/

Vergleichen Sie verschiedene OP-Methoden. Jeder Operateur entscheidet sich aus bestimmten Gründen für seine OP-Methode und wird sie natürlich mit allen Mitteln verteidigen (was sein gutes Recht ist). So birgt jede Methode gewisse Vor-, aber auch Nachteile. Je nachdem, welche Erwartungen Sie an Ihr restliches Leben mit einer TEP stellen, könnten die Vorteile von bestimmten OP-Methoden überwiegen. Hier ist es wichtig, sich mehrere Meinungen einzuholen und offen über Ansprüche, Wünsche, Erwartungen zu sprechen und kritische Fragen zu stellen, damit sich möglichst herauskristallisiert, welche Methode am besten zu Ihnen und/oder zu dem, was Sie sich von der OP versprechen, passt.

Holen Sie sich verschiedene Meinungen ein. Anders tun Sie es beim Kauf einer Waschmaschine vermutlich auch nicht. Sie schauen sich verschiedene Angebote an und wägen ab, welches am besten zu Ihnen und Ihren Wünschen passen könnte. Es gibt in der Medizin nicht DIE eine Lösung. Viele (gute) Wege führen nach Rom. Sie dürfen sich den für Sie passendsten Weg aussuchen (oder zumindest mitentscheiden, ist ja schließlich Ihr Körper).

Und nicht zu vergessen: hören Sie auf Ihr Bauchgefühl. Nach objektiver kritischer Prüfung der Krankenhäuser ist es natürlich auch wichtig, dass Sie sich vor Ort wohlfühlen und das Gefühl haben, sich in guten Händen zu befinden. Man muss ehrlicherweise zugeben, dass die Implantation von Endoprothesen mittlerweile ein hochstandartisiertes Verfahren darstellt und im Grunde alle Operateure ihr Handwerk sehr gut verstehen.

Noch Fragen? Fragen!

Am Ende möchte ich natürlich betonen, dass es sich hierbei um meine subjektiven Empfehlungen aufgrund meiner langjährigen Erfahrung in der Nachbehandlung von Endoprothesen-OPs handelt. Alle Angaben sind ohne Gewähr und ich habe keine Verbindungen zu den o.g. Portalen.

Warum mehr Evidenz in der Therapie zwingend notwendig ist

Hierfür hat die European Partnership of Evidence and Problem Based Paramedical Education (EPEPE) einen zu 100% treffenden Artikel verfasst, den ich hier eins zu eins übernommen und dem ich nichts hinzuzufügen habe:

„Was bedeutet eigentlich Evidenz?

Der Begriff Evidenz leitet sich innerhalb der Medizin von dem englischsprachigen Wort „evidence“ ab und kann auch mit Beweis, Zeugnis oder auch Ergebnis übersetzt werden. 

Bezogen ist dieser Beweis auf die Erkenntnisse innerhalb von wissenschaftlichen Studien, die meist einen untersuchten Sachverhalt bestätigen oder widerlegen. 

Eine evidenzbasierte Medizin verlangt demnach, dass bei jeder medizinischen Behandlung eine patientenorientierte Entscheidung auf der Basis von empirischer Wirksamkeit getroffen wird. 

Wichtig zu erwähnen ist, dass evidenzbasiert keinesfalls bedeutet, dass der Fokus lediglich auf dem wissenschaftlichen Beweis liegt. 

Die evidenzbasierte Medizin stützt sich auf 3 Säulen: 

Die klinische Expertise des Therapeuten

Die Wünsche und Erfahrungen des Patienten

Den aktuellen Stand von Wissenschaft und Forschung 


Sackett et al. (1997) definieren evidenzbasierte Medizin folgendermaßen:

„EbM ist der gewissenhafte, ausdrückliche und vernünftige Gebrauch der gegenwärtig besten externen, wissenschaftlichen Evidenz für Entscheidungen in der medizinischen Versorgung individueller Patienten.“

„Die Praxis der EbM bedeutet die Integration individueller klinischer Expertise mit der bestmöglichen externen Evidenz aus systematischer Forschung.“

Das evidenzbasierte Handeln findet fachübergreifend innerhalb des Gesundheitswesens seine Anwendung. Daher generierte man den allgemeinen Begriff der evidenzbasierten Praxis (EBP). Innerhalb der Physiotherapie hat sich zusätzlich der Begriff der evidenzbasierten Physiotherapie geformt. 

Für die evidenzbasierte Physiotherapie formulierten Herbert et al. folgende Definition: 

„Evidenzbasierte Physiotherapie ist Physiotherapie, welche auf relevanter, qualitativ hochwertiger Forschung fußt. Die Praxis der evidenzbasierten Physiotherapie sollte durch relevante, qualitativ hochwertige klinische Forschung, die Präferenzen der Patienten und das praktische Wissen des Physiotherapeuten geprägt sein.“

Warum eigentlich evidenzbasierte Physiotherapie? 

Das primäre Ziel ist es, eine optimale physiotherapeutische Versorgung des Patienten zu ermöglichen. Im Mittelpunkt stehen dabei immer die Erwartungen, Ansichten und Ziele des Patienten. Die evidenzbasierte Physiotherapie hält den Therapeuten dazu an, sein Handeln immer wieder zu hinterfragen, Erfolge messbar darzustellen und sich selbst auf dem aktuell besten wissenschaftlichen Erkenntnisstand zu halten. Somit bietet sie der therapeutischen Entscheidungsfindung einen Rahmen und fördert gleichzeitig den Transfer theoretischer Forschungsergebnisse in den Praxisalltag. 

Mit der Umsetzung in die tägliche Praxis besteht zugleich die Chance, selbstbewusster mit der eigenen Profession umzugehen. 

Nach Antes et al. (2003) gibt es für die EBP kein starres „Kochbuchrezept“, sie ist eine Ergänzung zu der therapeutischen Erfahrung und kann zur Verbesserung der Qualität und des Behandlungserfolgs beitragen.“

Quelle: https://epepe.eu/forschung/evidence-based/was-ist-ebp/


Eine kleine Aufklärung in eigener Sache

Du bist Heilpraktiker? Also machst du was mit Pflanzen?!

Nein!

Rein rechtlich ist die Sachlage so, dass in Deutschland nur ein Arzt und/oder ein Heilpraktiker die Erlaubnis besitzen, eigenständig Diagnosen zu stellen und daraufhin Therapien einzuleiten (ein Physiotherapeut ist immer weisungsgebunden und darf nur das behandeln, wofür er eine Verordnung vom Arzt hat – Sie wissen ja, wie das manchmal ist: zu viele Köche verderben den Brei). Dafür tragen sie (also Arzt und HP) natürlich deutlich mehr Verantwortung und müssen sich sicher sein, dass sie nichts übersehen. Jeder Heilpraktiker ist aber auf bestimmte Bereiche spezialisiert (kann man oft seinem Portfolio entnehmen) und nicht jeder macht Hokuspokus oder „irgendwas“ mit Pflanzen (was im Übrigen nichts schlimmes sein muss, manchen Leuten hilft genau das).

Nichtsdestotrotz bringt der Heilpraktiker für mich tatsächlich einige viele Vorteile, z.B.:

Die therapeutische Hoheit liegt wieder in meinen Händen, d.h. ich kann als Therapeut therapeutische Entscheidungen patientenorientiert auf der Basis meines Wissens, meiner Erfahrung und von wissenschaftlichen Forschungsergebnissen treffen und bin frei von Reglementierungen durch die Kassen oder die Meinung eines Arztes (ein Arzt guckt immer durch seine Arzt-Brille, ein Therapeut durch seine Therapeuten-Brille, ich hoffe, der Unterschied wird deutlich).

Ich kann den Zeitrahmen selbst definieren und kann dementsprechend ganzheitlich arbeiten (das ist in schwierig in einen 20-minütigen Behandlungstakt zu integrieren – kein Vorwurf). Nicht immer ist das Symptom auch gleichzeitig die Ursache (manchmal muss man globaler denken und dafür benötigt man natürlich mehr Zeit und die kann ich mir nehmen!).

Da die Patienten meistens erst den alternativen Weg (ich nenne es jetzt der Einfachheit halber so, obwohl ich eigentlich auch schulmedizinisch arbeite oder zumindest so, wie Schulmedizin eigentlich sollte) einschlagen, wenn der klassische nicht funktioniert hat, ist natürlich die Erwartungshaltung einem Heilpraktiker gegenüber deutlich höher. Das ist aus meiner Sicht aber ein großes Plus. Die Pat. kommen nämlich meist mit einem klaren Ziel und wollen dieses relativ schnell erreichen (die Spreu trennt sich quasi von selbst vom Weizen), d.h. wir haben keine Zeit, um großartig rumzutrödeln. Die Arbeit ist effizient, fokussiert und spricht am Ende für sich selbst.

Jetzt fragen Sie sich wie das im Alltag aussieht?

Beispiel: Sie kommen zu mir und wir führen erstmal ein ausführliches Anamnese-Gespräch gefolgt von einer körperlichen Untersuchung und einem Screening, um ernsthafte Erkrankungen auszuschließen. Danach stelle ich anhand der Informationen, die ich gesammelt habe eine Diagnose und wir definieren gemeinsam ein Ziel (z.B. wieder längere Strecken ohne Beschwerden laufen können…), ich sage Ihnen wieviel Zeit Sie realistisch einplanen sollten und wie ich Sie dabei sinnvoll unterstützen kann. Dann arbeiten wir so lange zusammen bis Sie Ihr Ziel erreicht haben. Bei dem einen reichen vielleicht nur drei Interventionen, um sein Problem zu beheben, beim anderen sind es 12 Einheiten (jeder kann nach der Befunderhebung und meiner groben Einschätzung freiwillig entscheiden, ob er weiter mit mir arbeiten möchte oder nicht und muss kein Rezept „abarbeiten“). Das ganze findet natürlich auch über den Rahmen der therapeutischen Sitzung hinaus statt, z.B. in Form von Hausaufgaben, die genau auf Sie zugeschnitten sind. Am Ende machen wir ein Re-Check, um sicherzugehen, dass es in die richtige Richtung für Sie geht und wenn Sie mit der Entwicklung zufrieden sind, entlasse ich Sie in die Selbstwirksamkeit und Eigenständigkeit (nichts ist schlimmer als ständig von einem Therapeuten abhängig zu sein!).

Wie klingt das? Hat gar nichts mit Pflanzen zu tun, oder? Sag ich doch!

In diesem Sinne: frohes Bewegen.

Disclaimer: hierbei handelt es sich nicht um einen med. Rat. Bitte suchen Sie sich bei anhaltenden Beschwerden kompetente Hilfe.

rundum die Endoprothetik (TEPs) Teil 3

Heute möchte ich gerne über ein Thema schreiben, das mir besonders am Herzen liegt. Es geht um den Begriff der Präha (gebildet aus „Prä“ für „vor“ und „ha“ für „Reha“, also auf deutsch: die Vorbereitung auf eine OP und/oder Reha), der in der prä-operativen Versorgung leider immer noch nicht präsent genug ist (vielleicht wegen mangelnder Aufklärung?).

Zwar gibt es bisher nicht in allen Bereichen Forschungsergebnisse, die die Wichtigkeit dieses Begriffs messbar belegen, aber sowohl die Trainingslehre als auch meine Erfahrung zeichnen hier ein eindeutiges Bild.

Wenn Sie über einen operativen Eingriff nachdenken, da eine gut geplante patientenzentrierte Physiotherapie keine Erfolge gezeigt hat, sollte Ihnen klar sein, dass es im Rahmen der OP und der damit einhergehenden vorübergehenden Immobilisation (z.B. wegen der Wundheilung oder wegen des Allgemeinzustands) zu einer Verschlechterung des Stoffwechsels kommt und Kraft und Fitness nach dem use it or lose it Prinzip ziemlich schnell verloren gehen.

Lassen Sie uns ein kleines symbolisches Beispiel machen: sagen wir, dass Ihre körperliche Leistungsfähigkeit vor der OP bei 40% liegt, da Sie bereits aufgrund der Arthrose starke Einschränkungen im Alltag haben und viele Dinge einfach nicht mehr gehen. Jetzt gehen Sie in die OP und müssen anschließend nicht nur die Narkose, sondern meistens auch die Folgen der OP (z.B. Blutverlust, post-operative Schmerzen) verkraften und liegen durchschnittlich 7-10 Tage im Krankenhaus, wo die Belastung und die alltägliche Herausforderung sehr niedrig dosiert sind (ein paar mal über den Flur laufen, vielleicht eine Treppe… kann man im therapeutischen Kontext nicht als Anstrengung definieren). D.h. wenn Sie das Krankenhaus verlassen, ist Ihre Belastbarkeit nochmal um weitere 20% gesunken. Sie kommen also in der Reha mit einer Leistungsfähigkeit von durchschnittlich 20% an und werden in eine riesige Maschinerie geworfen, die wirklich unglaublich auf Effizienz getrimmt ist, denn man will in den drei Wochen möglichst viel für Sie rausholen. Hier ist körperliche und seelische Überlastung quasi vorprogrammiert. Verstehen Sie jetzt, was ich meine?

Hätten Sie vor der OP Ihre Leistungsfähigkeit trainiert und wären statt auf 40% bei fünf bis sechs Wochen konsequentem Training auf 70% Ihrer Fitness gekommen (sofern der Eingriff natürlich geplant ist), hätten Sie zum Start der Reha immer noch 50% Ihrer Kraft für den Beginn. Hier ist eindeutig realistischer, dass Sie von der Reha profitieren werden, da viel gezielter und spezifischer trainiert werden kann.

Oder einfach formuliert: Wenn Sie „fit“ anreisen, haben wir die Möglichkeit wirklich an Ihren spezifischen Defiziten zu arbeiten. Reisen Sie „unfit“ an, benötigen wir die drei Wochen, um Sie überhaupt in einen trainerbaren Status zu bringen! Und schwupp ist die Reha vorbei. Draußen in der freien Welt ist die Versorgung erheblich schwieriger. Nicht jede Praxis besitzt eine gut bestückte Med. Trainingstherapie, auf Physiotherapie-Termine muss man z.T. ein paar Wochen warten, die Schnittstelle zwischen Arzt und Therapeut ist nicht klar und Fahrtwege, Mobilität und alltägliche Herausforderungen sind noch gar nicht berücksichtigt.

Gut zu wissen: ein erfahrener und kompetenter Therapeut ist in der Lage Hebel, Ausgangsstellungen, Belastungen, etc. so zu variieren und zu modifizieren, dass trotz Beschwerden gut trainiert werden kann!

Bei der Versorgung mit TEPs konnte zwar keine Evidenz für die Wirksamkeit eines OP-vorbereitenden Trainings nachgewiesen werden, problematisch ist hier jedoch, dass in den unterschiedlichen Studien nicht benannt wird, was genau und in welchem Rahmen prä-operativ trainiert wurde, also es gibt kein einheitliches patientenzentriertes „Präha-Konzept“ auf dessen Basis man post-operativ die Outcomes evaluieren könnte.

Anders sieht es z.B. bei der Beurteilung von Rücken-OPs aus. Hier konnten zumindest einige Parameter wie Schmerz, Angst-Vermeidungs-Verhalten und psycho-soziales Erleben post-operativ verbessert werden (Lindbäck et al, 2017).

Quellen:

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/29253630

Disclaimer: Hierbei handelt es sich z.T. um meine subjektive Meinung und Erfahrung. Dies ersetzt keinen med. Rat. Bitte suchen Sie sich kompetente Hilfe bei lang anhaltenden Beschwerden.

rundum die Endoprothetik (TEPs) Teil 2

Oft werde ich gefragt „hätte ich mein Knie früher operieren lassen sollen?“, aber wann ist eigentlich der „richtige Zeitpunkt“ für die Implantation eines Kniegelenk-Ersatzes (Knie-TEP)? Viele Wissenschaftler zerbrechen sich den Kopf, um eine Antwort auf diese Frage zu finden. Wann ist es „zu früh“? Wann ist es „zu spät“? Was spricht dafür? Was dagegen?

Leider gibt es zum momentanen Zeitpunkt keine zuverlässigen Indikationsempfehlungen mit hoher Evidenz für das richtige Timing. Dennoch gibt es eine Möglichkeit, die Sie zurate ziehen können, um das Für und Wider abzuwägen, die ich Ihnen gleich vorstellen möchte.

Die sog. EKIT steht für Evidenz- und Konsensbasierte Indikation Totalendoprothese. Hierbei handelt es sich um eine S2k-Leitlinie, die sich auf die Frage bezieht, wann eine Knie-TEP zu empfehlen sei.

Sie stellt zuerst Hauptkriterien in den Vordergrund, die durch Nebenkriterien ergänzt werden und so letztendlich zu einer Empfehlung führen.

Zu den Hauptkriterien gehören:

Knieschmerz

Nachweis eines Strukturschadens (Arthrose, Osteonekrose)

Versagen konservativer Therapiemaßnahmen (medikamentös, nicht-medikamentös)

Auf die Kniegelenkerkrankung bezogene Einschränkung der Lebensqualität

Auf die Kniegelenkerkrankung bezogener subjektiver Leidensdruck

Ergänzend kommen folgende Nebenkriterien hinzu:

Einschränkungen der Gehstrecke

Einschränkungen bei langem Stehen

Einschränkungen beim Treppensteigen

Fehlstellung der Beinachse

Instabilität des Kniegelenks

Einschränkungen der Kniebeweglichkeit

Einschränkung der Beinkraft

Schwierigkeiten beim Hinsetzen, beim Knien, bei der Körperhygiene

Notwendige Unterstützung durch Hilfsperson

Schwierigkeiten bei Haushaltstätigkeiten

Schwierigkeiten bei der Nutzung von Verkehrsmitteln

Einschränkungen im sozialen Leben, in der Ausübung des Berufs und bei sportlicher Aktivität

Vorteil: EKIT ist ziemlich leicht anwendbar und setzt den Pat. samt Beschwerden in einen bio-psycho-sozialen Kontext. Es wird also größtenteils sein Mitwirken im Alltag, die Selbständigkeit und die Lebensqualität bewertet.

Nachteil: es gibt weder einen Score noch eine Gewichtung der Kriterien. Es handelt sich lediglich um subjektive Angaben des Pat., die durch subjektives Abfragen und eine subjektive Beurteilung des Untersuchers in eine subjektive Empfehlung für den Pat. mündet. Die prä-operative Aufklärung bei Indikationsstellung sollte mehr in den Vordergrund rücken, um eine realistische Prognose vermitteln zu können. Übersteigerte Erwartungshaltungen können im Nachgang zu negativen Ergebnissen führen.

Mein persönliches Fazit: es gibt keinen „richtigen“ Zeitpunkt (denn wer soll ihn definieren?!). Wir können nicht jeden Menschen mit Knie-Beschwerden sofort operieren, auf der anderen Seite kann es durchaus ein Gewinn für die betroffene Person sein, wenn sie sich nach erfolglosen konservativen Versuchen doch für eine OP entscheidet. Die Frage ist, wie hoch sind die Einschränkungen im Alltag und wie hoch ist der Leidensdruck (das Röntgenbild spielt keine wesentliche Rolle). Bevor wir entscheiden, dass konservative Maßnahmen versagt haben, sollten wir uns vor allem fragen, ob eine leitliniengerechte first-line Behandlung durch einen Physiotherapeuten stattgefunden hat, der sowohl über Schmerz im bio-psycho-sozialen Zusammenhang aufgeklärt als auch eine gut geplante individuell zugeschnitten Therapie mit progredienter Belastungssteigerung durchgeführt hat!

Quellen:

Hier finden Sie die Patientenversion der EKIT: https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/033-052p_S2k_Knieendoprothese_2018-04.pdf

Leit-Artikel zur EKIT: https://www.awmf.org/fileadmin/user_upload/Leitlinien/033_D_Ges_fuer_Orthopaedie_und_orthopaedische_Chirurgie/033-052a1_S2k_Knieendoprothese_2018-04.pdf

https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/033-052l_S2k_Knieendoprothese_2018-05.pdf

rundum die Endoprothetik (TEPs) Teil 1

Die Versorgung mit Endoprothesen stellt in der modernen Orthopädie mittlerweile ein Standard-Verfahren für das Knie- und Hüftgelenk dar. Sie kann bei persistierenden Beschwerden, die durch eine gut geplante und leitliniengerecht durchgeführte Physiotherapie keine Linderung zeigen, durchaus eine sinnvolle Option sein.

So kommt es, dass die Implantation von Endoprothesen bei einer stetig älter werdenden Bevölkerung drastisch zugenommen hat und mit ihr auch sämtliche Fragen, die die Nachbehandlung, Belastbarkeit und Haltbarkeit betreffen.

Vor kurzem wurden Daten zur Haltbarkeit von Knie- und Hüft-Endoprothesen (TEPs) veröffentlich, die die bisherigen Erfahrungswerte und subjektiven Angaben deutlich übersteigen.

Demnach halten 82% der totalen Knie-TEPs und 70% der unikondylären (halbseitigen) Knie-TEPs bei der Erstimplantation über 25 Jahre (die bisherige Angabe liegt bei ca. 12-15 Jahren)!

Bei den Hüft-TEPs liegt die 25-Jahre-Haltbarkeit bei immerhin 58% (hier werden meistens 15-20 Jahre angegeben).

Wer interessiert ist, kann unter den unten aufgeführten Links die englische Zusammenfassung im Original durchlesen.

Quellen:

systematischer Review + Meta-Analyse zur Haltbarkeit von Knie-TEPs (Evans JT, Evans JP, Walker RW, Blom AW, Whitehouse MR, Sayers A, 2019): https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/30782341

systematischer Review + Meta-Analyse zur Haltbarkeit von Hüft-TEPs (Evans JT, Evans JP, Walker RW, Blom AW, Whitehouse MR, Sayers A, 2019): https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/30782340

https://www.thelancet.com/action/showPdf?pii=S0140-6736(18)31665-9&fbclid=IwAR0p8eTpzSDX4BnTwIPmBGKKzNUSbqXFEnnmkq2VLt7RpFtW65TJC6Ez6s0